Reimer Eilers


. Semaphor

Nie war bisher die Rede von einem Semaphor. Zum Sterben braucht der Reisende einen Fahrplan und eine anständige Wettervorhersage. Wichtig ist, das Schiff in Cuxhaven nicht zu verpassen, aber viel schwieriger ist es, das richtige Wetter vorauszusehen. Wenn es Sturm gibt und das Schiff nicht fährt, kann der Reisende nicht sterben.
   Er ist Mitte Dezember geboren, was keine schlechte Jahreszeit für Geburten ist, anders als für den Tod. Das Dezembersolstitium überzieht die Nordsee häufig mit einer tückischen Milde, die über Nacht in den wütendsten Winter umschlägt. Dann  sitzt der Reisende in Cuxhaven fest und kann nicht sterben.

  Auch Frühling und Herbst sind nicht sicher genug, wo es auf den letzten Tag ankommt. Im Frühling wie im Herbst ist mit anhaltenden Äquinoktialstürmen zu rechnen, wenn der gesamte Atmosphärenhaushalt sich umstellt. Er wird also das Junisolstitium abpassen, um zu sterben. Frühmorgens bestellt er sich ein Taxi zu seiner Hamburger Wohnung. Einmal im Leben wird er sich diesen Luxus leisten und ein Taxi bis nach Cuxhaven nehmen. Sie fahren im Westen unter der Elbe hindurch und lassen die Stadt hinter sich.
   An der Alten Liebe in Cuxhaven gibt der Reisende ein gutes Trinkgeld. Das Taxi hat den Fahrplan für seinen Teil eingehalten. Am Kai liegt das Schiff, das der Reisende gleich besteigen wird. Es ist weiß und zeigt mit dem Bug in die Richtung, aus der er gekommen ist.
   Noch ist nichts entschieden. Auf dem Kai steht ein schwarzes Semaphor. Die ganze Erwartung des Reisenden gilt seiner Windanzeige. Er geht an Bord, wechselt ein paar Worte mit dem Zahlmeister. Die blanke Münze liegt unter seiner Zunge. Das Schiff legt ab, dreht in den Elbstrom und fährt hinaus in die offene See. Hoch ragt das Flügelsignal über dem Ufer auf und schickt dem Reisenden seine günstigen Zeichen nach bis unter den Horizont.
Eilers
Dichter im Netz