Tostedt bis Tollerort
Nach Hamburg, der Stadt,
die uns am Herzen liegt,
über die Leber läuft,
an die Nieren geht, unter den Nägeln brennt,
die Kehle schnürt,
den Magen umdreht, den Darm verrenkt,
die Augen rollen, die
Haare zu Berge stehen, die Schultern zucken,
die Nase bluten, die Lippen
zusammenpressen, die Zähne klappern läßt,
nach Hamburg führen
viele Wege.
Seltsamer weise kommt
man immer durch Tostedt,
Auf den Ortsschildern
steht Geesthacht, Tangstedt, Holm, York oder Lühe,
und doch ist es immer
wieder Tostedt.
Zur Stadt? Jo, to Stedt!
Das Landvolk weist die
Richtung
zum Port der Wahrheit
und der Dichtung.
So wird man alle, die
Fragen stellen, am besten wieder los.
Das Land steht außer
Frage.
Hier versteht sich alles
von selbst.
Die Züge kommen aus
dem Irgendwo und fahren irgendwann.
Wenn ihr jetzt nicht fahrt,
die Worte haben wir im
Ohr,
dann nie,
also fahren wir, die letzten
Text-Live-Automaten von Windows 98,
die Ritter mit dem traurigen
Gehalt und Trouble-purs zwischen zwei Jahrtausenden,
in die Stadt,
in der man sich immer
zweimal trifft.
Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du
mich dreimal küßt.
Die große Liberale,
Rationale, Internationale, Hammoniale, Intergrale.
Kein Im ohne Ex im Port
der Wahrheit und Dichtung.
Die Stadt der Steuererklärungen.
Der Pannenerklärungen.
Der Liebeserklärungen.
Zweite Stadt im Land.
Dafür Hauptstadt der Zitate. Hauptstadt der Kopien.
Hauptstadt aller Schiebungen
und Verschiebungen,
für die es natürlich
ist, dass die Morgenpost am Abend
und das Abendblatt am
Morgen erscheint.
Noch herrscht die große
Leere.
Das Versuchslabor der
Verhaltensweisen von morgen
ist entvölkert.
Doch Tostedt ist voll.
Das Foucault’sche Pendel
ist nichts gegen das,
was an Pendelei ab 5 Uhr
morgens abgeht.
Nicht nur New York, Frankie-Boy,
auch Hamburg ist die City,
die niemals schläft.
Aus dem einfachen Grund:
Hier schläft niemand.
City-Süd ab 3 Uhr
nachmittags, City-Nord ab 5, Mönkebergstraße ab Ladenschluß,
alles hat sich aus dem
Staub gemacht.
Der Dalai Lama zeigt Respekt.
In seinem Konzept der
inneren Leere
ist Hamburg die Hauptstadt
des praktischen Buddhismus,
und die Buddhisten des
Abendlands
halten in der Halle des
Eimsbüttler Turnvereins zu Hamburg ihre europäischen Kongresse
ab.
Über Nacht ist nur
Inspektor Knut noch wach,
vor dem Kathedralenbild
seiner bläulich flimmernden Monitorwand
in der Verkehrsleitzentrale.
Alle Straßen sind
leer.
Alles, was schlafen muß,
ruht in Tostedt.
Träumt seinen Traum
der erschwinglichen Bodenpreise,
dem Stück Grün
für die Kinder, dem Landhausschwung der Ehefrau.
Ohne seine Pendler ist
Hamburg nicht Tollerort, sondern Geisterort.
Tatsächlich blickt
Inspektor Knut verstört auf Monitor 129.
Ein einsamer Hund trabt
über die nächtliche A 7 in Richtung Kieler Straße.
Richtung Innenstadt.
Wechselt in Monitor 128,
dessen Kamera installiert ist auf dem Dach des MediaMarktes.
Der mit der Werbung: „Ich
bin doch nicht blöd.“
Bin ich blöd oder
nicht? fragt sich Inspektor Knut. Ist er echt, der Köter?
Geht ein neues Gespenst
durch Europa
oder haben die Kollegen
Max und Murks ein Band lanciert, mich zu veräppeln?
Was seh ich da?
Einen Video-Hund? Eine
3 D-Animation? Einen wiedergekehrten Buddhisten?
Eine verirrte Töhle?
Was ist wirklich, was
ist wahr,
seitdem man die Algorhythmen
unter Strom gesetzt hat?
Inspektor Knut greift
zum Telefon.
Los geht’s. Der weiße
Strich am Bahnsteig wird überschritten,
der den Tostedter zum
Angestellten transformiert.
Wahr ist, daß morgens
um 5 wieder Metropolis gespielt wird,
die Szenen aus den Zwanziger
Jahren,
wenn die Masse Mensch
aus den U-Bahn-Schächten
hinter den Pin up-Girls
von Seite eins
ans graue Licht der Erwerbstätigkeit
hastet.
Verblüffend filmisch
kommt sie aus Tostedt,
die Masse,
paßt sich nahtlos
ein in Take five des neuen James Bond zwischen Hertie und Kaufhof,
„Lizenz zum Arbeiten“,
verströmt sich als
aktives Plasma des Stadtkörpers mit zwei tariflichen Pausen,
die Arbeitskraft, die
sich Kaufkraft schafft,
damit die schlaue Kaufmannschaft
sie Weihnachten in die
Kasse rafft.
Freilich, eine Sinfonie
der Großstadt würde heute niemand mehr schreiben.
Der Moloch Masse hofft
höchstens noch auf den Schauplatz Berlin.
Die tausend Rhythmen der
Gleichzeitigkeit, die Dekonstruktion der Köpfe,
die Überfüllung
des Raumes, die Zerstückelung des Geschehens,
man findet sie nur in
den Anfängerseminaren des Literaturstudienganges.
Ohne Dynamik.
Der Expressionismus ist
perdu.
Die Stadt funktioniert.
Pünktlichkeit 87
% entgegen 86 % im übrigen Deutschland,
so steht’s auf der Tafel
im Bahnhof.
Vermutlich steht diese
Tafel in allen Bahnhöfen.
Überall ist es gelogen.
Die Schlafende Schöne,
sie schläft nicht. Dornröschenspiele sind hier organisiert.
Längst steht der
Termin mit dem Prinzen,
der Scheich Abdul Abdullah
heißt,
viel verspricht, wenn
der Tag lang ist,
und nicht einmal den Dom
gekauft kriegt.
Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du
mich dreimal küßt.
Das Pendel schwingt hin,
das Pendel schwingt her.
Nach Hamburg kommen wir
später.
Der Tag war, wie er war.
Das Beste an Hamburg ist
der Zug nach Tostedt.
Für die, die in Tostedt
schlafen.
Züge zurück
sind fahrende Brauereien,
es braut sich Feierabend
zusammen unter Unmengen Bier.
Wer da nicht Raucher fährt,
wird nie einen Begriff haben von der Pracht des Schicksals
und der Revolte des Gutmenschens.
Heldenerzählungen
aus einer gründlich beschissenen undankbaren Welt
lärmen durchs Abteil,
das fehlende Lagerfeuer
durch Hitzigkeit ersetzend.
Alle Brandmeister der
Nation finden mühelos Platz
auf vier Sitzen,
verkünden das Evangelium
nach Horst, Jürgen, Dieter und Gerhard.
Grundsätze des aufrechten
Überlebens in Hambabylon
rollen über die Elbbrücken,
jahraus, jahrein durch
Nebel, Schnee und Sonnenuntergang,
was macht die Familie,
die Jüngste kriegt Zähne, Online, na klar, Sportunfall, oder
was?
und löschen, was
nicht zu löschen ist,
das brennende Wissen,
besser zu sein als die ganze Scheiße,
und doch bis zum Hals
in derselben zu stecken.
Die Ärsche ziehen
an einem vorbei und machen Karriere,
da bleibt als einziger
Trost
Tostedt.
Troststadt, Proststadt.
Wo das Lied vom Polenmädchen
noch heute Hit beim Dorfschwof ist,
bis der Bohlen vor dem
Kopf gegen den Feldbusch prallt.
Der erste Vereinsvorsitzende
bürstet seine Rede auf,
die ihn sein Leben lang
begleitet hat,
wie das Lied von den Polenmädchen
und das Lied von der blühenden
Heide.
So redet er:
Leute steht bequem.
Nur in der Gemeinschaft
findet der Einzelne sein Glück.
Werden Sie Mitglied in
unserem Schützenverein
und treffen Sie neue Freunde
am Stück.
Nur im Einklang mit der
Natur findet der Mensch zu sich selbst herein.
Werden Sie Mitglied in
unserem Verkehrsverein
und bremsen auch Sie für
Straßenbäume.
Wer fest in der Vergangenheit
verwurzelt ist, braucht der Zukunft nicht zu weichen.
Werden Sie Mitglied in
unserem Heimatverein
und lernen Sie die uralten
Liebeslieder der Moorleichen.
So hat er geredet. Die
Rede ist gut.
Unter Applaus wird allen
Jubilaren
die Verdienstnadel für
zeitlose Treue und selbstlose Mitarbeit
verliehen.
Vieles bleibt zu tun,
doch wieder mal ist ein Schritt getan für die Chronik der ersten Schritte,
die natürlich keinen
zweiten Schritt kennt.
In Hamburg bekommt man
bis zur Abteilungsleiterebene nichts geschenkt.
Hier bekommen die Helden
wenigstens Nadeln.
Symbole zählen.
So mag man sich.
In Tostedt bleiben die
Dinge wie sie sind.
Treue ist hier ein Wort
von besonderer Schwere, in überraschenden Dimensionen.
Das beginnt bei der Platztreue
für Schaufeln im Baumarkt, immer in derselben Ecke,
über die Stellungstreue
des Fischwagens auf dem Wochenmarkt,
Salate rechts, geräucherter
Lachs in der Mitte, frischer Kabeljau links,
bis zur Geschmackstreue
des panierten Schnitzels.
Es schmeckt hundertpro
so
wie es immer geschmeckt
hat,
weil es nur so schmecken
kann
und darum gar nicht anders
schmecken will
und auch die Diskussion
darum gar nicht versteht,
eins aufs Maul, du Stänkeraffe,
oder was?
Motzfresse,
regt mich auf, der Sack,
was der sich einbildet,
Schnitzel madig machen,
oder was?
Was will der hier,
kennt den einer,
na also.
Wenn durch einen Computer-Mega-GAU
eines apokalyptischen Tages,
was Micro-Bill Gates of
Heaven verhindern mag,
das gesamte Menschheitswissen
abstürzen sollte, ist das schlimm,
aber nicht sehr.
Es findet sich alles wieder
in Tostedt.
Hier ist das Wissen zu
Hause,
wie die Dinge sind, wie
sie laufen, wie man sie zum Laufen bringt,
wie sie zu sein haben,
wie sie immer gewesen sind, wie sie gefälligst zu sein haben,
wo Schluß ist mit
lustig
und wann,
zwischen Birkenalleen
und Straßenpfostenwäldern,
zwischen Carportdschungeln
und Videothek neben der Aral-Tanke,
in diesem bläulichen
friedlichen Licht
des etwas zu späten
Abends
oder etwas zu frühen
Morgens,
sofern es wirklich ein
einzelner Schuh ist,
der da liegt,
in dem sich die Preise
für Super und Super-Plus spiegeln,
wirklich etwas gelaufen
ist.
Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du
mich dreimal küßt.
Inspektor Knut legt wieder
auf. Die Monitore arbeiten, wie sie sollen.
Der Hund ist weg. Die
Straßen sind leer. Alles schläft.
Nur ein Schuh liegt da
herum.
Egal. Gleich holt das
Pendel wieder aus.
Schwingt hin, schwingt
her.
Ein Kaffee noch,
dann wird es Morgen, schon
früh hell, Anfang Mai.
Unser Mann in der Leitzentrale
kennt die Massenszenen in der U-Bahn,
aber das ist nicht sein
Problem,
wahr ist nämlich
auch, dass die meisten Hamburger immer noch mit dem Auto fahren.
Der größte
Marktplatz der Stadt findet keine Zeit und keinen Ort,
Inspektor Knut hat die
Daten aller Megatreffs im Kopf,
und die absolut meisten
Hamburger treffen sich im Elbtunnel,
zweimal am Tag Star Trek,
ab mit Volkswagen in die
fünfte Dimension,
abtauchen ins Wurmloch
und ohne Übergang
den Quadranten wechseln,
von Nord nach Süd,
von Tostedt nach Tangstedt nach Tollerort.,
die Zeit im übergroßen
Chatraum von NDR 2 durchtunneln,
der wahre Schrecken wäre
hier unter der Elbe kein Wassereinbruch,
sondern der Ausfall der
UKW-Leitschiene.
Nichts sehen! Also: Worüber
schweigen?
Das hält kein Mensch
aus.
Inspektor Knut trinkt Kaffee,
händelt die Verkehrsinfarkte der Rush-Hour, legt Bypässe,
fragt sich zwischendurch,
ob der Hund in der Nacht nun doch real war,
überprüft das
Knochengerüst der Stadt im Videobild,
Speichen und Ellen, Wirbel
und Gelenke, Kreuzungen und Koordinaten,
die Außenbezirke
und die Aura des Stadtkörpers,
das braucht Metaphysik
in dem Bewußtsein,
dass die Sache da draußen
auf den Straßen mörderisch bleibt.
Nach Hamburg führen
viele Wege,
bekanntlich kommt man
immer durch Tostedt,
da ist ein Monitor wie
der andere, Nummer 1 bis 195,
zusammen ein rundes Dutzend
Schlafzimmerschrankwände.
Nur eins begreift er nicht:
Warum nicht gleich in Hamburg bleiben?
Warum Arbeit und Leben
auf so unnatürliche Weise trennen?
Verkehr ist Verbrechen.
Nie würde Inspektor
Knut in Tostedt wohnen,
er hasst diese ländliche
Blähung als Pendlerproblem und Auffahrt-Unfall
und nennt die Namen der
Orte, die zwischen Tostedt und Hamburg liegen,
das stimmt sich ein auf
den Sensenmann: Fleestedt, Metzendorf, Tötensen.
Er selbst wohnt nur einen
Steinwurf vom Polizeihochhaus entfernt in St. Georg.
Alles muß für
ihn privat zu Fuß erreichbar sein, jedenfalls im Prinzip,
und am allerbesten in
den eigenen vier Wänden,
auch dann lebt er in gewachsener
Liebe für die Botschaften der Bildschirme,
seine Lieblingsserie nach
der Arbeit heißt „Stadtklinik“.
Aber inzwischen ist Hafengeburtstag
an diesem trüben
dienstfreien Vormittag im Mai,
und er macht eine Ausnahme,
geht zum Dammtor und fährt
von dort quer durch Veddel und den Hafen bis Tollerort,
ein einmaliges Muß,
denn in diesem Jahr hat
er eine Ehrenkarte der Polizei
für den Sonderzug
zur Windjammerparade bekommen.
Sogar ein kaltes Buffet
gibt es in Tollerort auf dem Kai,
zwischen Containern maritim
improvisiert,
hier futtert die Presse,
aber auch für verdiente
Beamte ist Platz an der Krippe,
er wählt bedächtig
ein Laugenbrezel, trinkt ein Bier,
während sich das
Auslaufen der Großsegler verzögert,
Nordwest kommt steif die
Elbe herauf,
so war das nicht geplant,
Gegenwind,
Motor an,
Viertel Kraft voraus!
die Segel stehen back,
die Fahnen wehen achteraus.
Das stört fast niemanden
beim Essen und Trinken,
frische Luft macht offenbar
einen Riesenappetit,
man ist es so gewohnt
von einer Fahne an einem Schiff,
dass sie mit dem Fahrtwind
geht und überhaupt,
wer hat denn Zeit von
den Ehrengästen auf dem Kai, bitte schön,
auf den richtigen Wind
zu warten?
Nicht einmal die Windjammer
selber haben sie,
die längst für
Events
an den anderen tollen
Orten dieser Welt gebucht sind.
Allerdings Inspektor Knut
ist gründlich abgenervt.
Der Anblick geht gegen
seine innerste Natur.
Er kann es unter diesen
Umständen nicht würdigen,
dass die Segler für
die Schaulustigen überhaupt ein paar Segel gesetzt haben,
im Gegenteil, ist das
ein Angriff auf seinen Verstand und die Verkehrsvorschriften,
und verhöhnt somit
die gegebene Ordnung,
so als ob ein Auto aus
purem Gag rückwärts durch den Elbtunnel fahren würde.
Ihn schaudert bei dem
Gedanken,
kaum noch ist ihm in dieser
Gesellschaft hemmungslos fressender und saufender Laien begreiflich,
warum er sich von seiner
vermeintlichen Ehrenkarte
zu diesem Ausflug hat
verleiten lassen.
Verkehr, gleich welcher
Art, ist doch jedesmal wieder ein Wahnsinn
und eigentlich nur auf
Monitoren zu bewältigen.
Endlich fährt der
Sonderzug zum Dammtor zurück.
Inspektor Knut geht von
dort zu Fuß nach Hause und schaltet den Fernseher ein,
wo die Windjammer noch
einmal ein- und auslaufen,
genauso wie vor den Bildschirmen
in Tostedt und in Tangstedt,
die Elbe gesäumt
mit jubelnden Massen
vor Schlepperballett und
Staatsbarkassen,
vor Seefahrtsromatik in
hohen Masten,
immer noch Verkehr in
die falsche Richtung,
trotz Video und Fernbedienungstasten,
aber nun alles zu ertragen.
Nur manchmal bleiben Fragen,
die auch wir, die letzten
Text-Live-Automaten,
oder die schlafende Hammonia
in ihrer Kathedrale
so wenig beantworten können
wie unser Mann in der Verkehrsleitzentrale.
Sei’s drum.
Kaum etwas stört
noch die Ruhe,
es bleibt der Hund auf
der Kieler Straße
und es bleiben zwei bläulich
schimmernde Schuhe.