Michael Batz und Reimer Eilers

Tostedt bis Tollerort

Nach Hamburg, der Stadt, die uns am Herzen liegt,
über die Leber läuft, an die Nieren geht, unter den Nägeln brennt,
die Kehle schnürt, den Magen umdreht, den Darm verrenkt,
die Augen rollen, die Haare zu Berge stehen, die Schultern zucken,
die Nase bluten, die Lippen zusammenpressen, die Zähne klappern läßt,
nach Hamburg führen viele Wege.
Seltsamer weise kommt man immer durch Tostedt,
Auf den Ortsschildern steht Geesthacht, Tangstedt, Holm, York oder Lühe,
und doch ist es immer wieder Tostedt.
Zur Stadt? Jo, to Stedt!
Das Landvolk weist die Richtung
zum Port der Wahrheit und der Dichtung.
So wird man alle, die Fragen stellen, am besten wieder los.
Das Land steht außer Frage.
Hier versteht sich alles von selbst.

Die Züge kommen aus dem Irgendwo und fahren irgendwann.
Wenn ihr jetzt nicht fahrt,
die Worte haben wir im Ohr,
dann nie,
also fahren wir, die letzten Text-Live-Automaten von Windows 98,
die Ritter mit dem traurigen Gehalt und Trouble-purs zwischen zwei Jahrtausenden,
in die Stadt,
in der man sich immer zweimal trifft.

Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du mich dreimal küßt.

Die große Liberale, Rationale, Internationale, Hammoniale, Intergrale.
Kein Im ohne Ex im Port der Wahrheit und Dichtung.
Die Stadt der Steuererklärungen.
Der Pannenerklärungen.
Der Liebeserklärungen.
Zweite Stadt im Land. Dafür Hauptstadt der Zitate. Hauptstadt der Kopien.
Hauptstadt aller Schiebungen und Verschiebungen,
für die es natürlich ist, dass die Morgenpost am Abend
und das Abendblatt am Morgen erscheint.

Noch herrscht die große Leere.
Das Versuchslabor der Verhaltensweisen von morgen
ist entvölkert.
Doch Tostedt ist voll.
Das Foucault’sche Pendel ist nichts gegen das,
was an Pendelei ab 5 Uhr morgens abgeht.
Nicht nur New York, Frankie-Boy,
auch Hamburg ist die City, die niemals schläft.
Aus dem einfachen Grund:
Hier schläft niemand.
City-Süd ab 3 Uhr nachmittags, City-Nord ab 5, Mönkebergstraße ab Ladenschluß,
alles hat sich aus dem Staub gemacht.
Der Dalai Lama zeigt Respekt.
In seinem Konzept der inneren Leere
ist Hamburg die Hauptstadt des praktischen Buddhismus,
und die Buddhisten des Abendlands
halten in der Halle des Eimsbüttler Turnvereins zu Hamburg ihre europäischen Kongresse ab.

Über Nacht ist nur Inspektor Knut noch wach,
vor dem Kathedralenbild seiner bläulich flimmernden Monitorwand
in der Verkehrsleitzentrale.
Alle Straßen sind leer.
Alles, was schlafen muß, ruht in Tostedt.
Träumt seinen Traum der erschwinglichen Bodenpreise,
dem Stück Grün für die Kinder, dem Landhausschwung der Ehefrau.
Ohne seine Pendler ist Hamburg nicht Tollerort, sondern Geisterort.
Tatsächlich blickt Inspektor Knut verstört auf Monitor 129.
Ein einsamer Hund trabt über die nächtliche A 7 in Richtung Kieler Straße.
Richtung Innenstadt.
Wechselt in Monitor 128, dessen Kamera installiert ist auf dem Dach des MediaMarktes.
Der mit der Werbung: „Ich bin doch nicht blöd.“
Bin ich blöd oder nicht? fragt sich Inspektor Knut. Ist er echt, der Köter?
Geht ein neues Gespenst durch Europa
oder haben die Kollegen Max und Murks ein Band lanciert, mich zu veräppeln?
Was seh ich da?
Einen Video-Hund? Eine 3 D-Animation? Einen wiedergekehrten Buddhisten?
Eine verirrte Töhle?
Was ist wirklich, was ist wahr,
seitdem man die Algorhythmen unter Strom gesetzt hat?
Inspektor Knut greift zum Telefon.

Los geht’s. Der weiße Strich am Bahnsteig wird überschritten,
der den Tostedter zum Angestellten transformiert.
Wahr ist, daß morgens um 5 wieder Metropolis gespielt wird,
die Szenen aus den Zwanziger Jahren,
wenn die Masse Mensch aus den U-Bahn-Schächten
hinter den Pin up-Girls von Seite eins
ans graue Licht der Erwerbstätigkeit hastet.
Verblüffend filmisch
kommt sie aus Tostedt, die Masse,
paßt sich nahtlos ein in Take five des neuen James Bond zwischen Hertie und Kaufhof,
„Lizenz zum Arbeiten“,
verströmt sich als aktives Plasma des Stadtkörpers mit zwei tariflichen Pausen,
die Arbeitskraft, die sich Kaufkraft schafft,
damit die schlaue Kaufmannschaft
sie Weihnachten in die Kasse rafft.

Freilich, eine Sinfonie der Großstadt würde heute niemand mehr schreiben.
Der Moloch Masse hofft höchstens noch auf den Schauplatz Berlin.
Die tausend Rhythmen der Gleichzeitigkeit, die Dekonstruktion der Köpfe,
die Überfüllung des Raumes, die Zerstückelung des Geschehens,
man findet sie nur in den Anfängerseminaren des Literaturstudienganges.
Ohne Dynamik.
Der Expressionismus ist perdu.
Die Stadt funktioniert.
Pünktlichkeit 87 % entgegen 86 % im übrigen Deutschland,
so steht’s auf der Tafel im Bahnhof.
Vermutlich steht diese Tafel in allen Bahnhöfen.
Überall ist es gelogen.

Die Schlafende Schöne, sie schläft nicht. Dornröschenspiele sind hier organisiert.
Längst steht der Termin mit dem Prinzen,
der Scheich Abdul Abdullah heißt,
viel verspricht, wenn der Tag lang ist,
und nicht einmal den Dom gekauft kriegt.

Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du mich dreimal küßt.

Das Pendel schwingt hin, das Pendel schwingt her.
Nach Hamburg kommen wir später.
Der Tag war, wie er war.

Das Beste an Hamburg ist der Zug nach Tostedt.
Für die, die in Tostedt schlafen.
Züge zurück sind fahrende Brauereien,
es braut sich Feierabend zusammen unter Unmengen Bier.
Wer da nicht Raucher fährt, wird nie einen Begriff haben von der Pracht des Schicksals
und der Revolte des Gutmenschens.
Heldenerzählungen aus einer gründlich beschissenen undankbaren Welt
lärmen durchs Abteil,
das fehlende Lagerfeuer durch Hitzigkeit ersetzend.
Alle Brandmeister der Nation finden mühelos Platz
auf vier Sitzen,
verkünden das Evangelium nach Horst, Jürgen, Dieter und Gerhard.
Grundsätze des aufrechten Überlebens in Hambabylon
rollen über die Elbbrücken,
jahraus, jahrein durch Nebel, Schnee und Sonnenuntergang,
was macht die Familie, die Jüngste kriegt Zähne, Online, na klar, Sportunfall, oder was?
und löschen, was nicht zu löschen ist,
das brennende Wissen, besser zu sein als die ganze Scheiße,
und doch bis zum Hals
in derselben zu stecken.
Die Ärsche ziehen an einem vorbei und machen Karriere,
da bleibt als einziger Trost
Tostedt.
Troststadt, Proststadt.
Wo das Lied vom Polenmädchen noch heute Hit beim Dorfschwof ist,
bis der Bohlen vor dem Kopf gegen den Feldbusch prallt.

Der erste Vereinsvorsitzende bürstet seine Rede auf,
die ihn sein Leben lang begleitet hat,
wie das Lied von den Polenmädchen
und das Lied von der blühenden Heide.
So redet er:
Leute steht bequem.
Nur in der Gemeinschaft findet der Einzelne sein Glück.
Werden Sie Mitglied in unserem Schützenverein
und treffen Sie neue Freunde am Stück.
Nur im Einklang mit der Natur findet der Mensch zu sich selbst herein.
Werden Sie Mitglied in unserem Verkehrsverein
und bremsen auch Sie für Straßenbäume.
Wer fest in der Vergangenheit verwurzelt ist, braucht der Zukunft nicht zu weichen.
Werden Sie Mitglied in unserem Heimatverein
und lernen Sie die uralten Liebeslieder der Moorleichen.

So hat er geredet. Die Rede ist gut.
Unter Applaus wird allen Jubilaren
die Verdienstnadel für zeitlose Treue und selbstlose Mitarbeit
verliehen.
Vieles bleibt zu tun, doch wieder mal ist ein Schritt getan für die Chronik der ersten Schritte,
die natürlich keinen zweiten Schritt kennt.

In Hamburg bekommt man bis zur Abteilungsleiterebene nichts geschenkt.
Hier bekommen die Helden wenigstens Nadeln.
Symbole zählen.

So mag man sich.
In Tostedt bleiben die Dinge wie sie sind.
Treue ist hier ein Wort von besonderer Schwere, in überraschenden Dimensionen.
Das beginnt bei der Platztreue für Schaufeln im Baumarkt, immer in derselben Ecke,
über die Stellungstreue des Fischwagens auf dem Wochenmarkt,
Salate rechts, geräucherter Lachs in der Mitte, frischer Kabeljau links,
bis zur Geschmackstreue des panierten Schnitzels.
Es schmeckt hundertpro so
wie es immer geschmeckt hat,
weil es nur so schmecken kann
und darum gar nicht anders schmecken will
und auch die Diskussion darum gar nicht versteht,
eins aufs Maul, du Stänkeraffe, oder was?
Motzfresse,
regt mich auf, der Sack,
was der sich einbildet,
Schnitzel madig machen, oder was?
Was will der hier,
kennt den einer,
na also.

Wenn durch einen Computer-Mega-GAU eines apokalyptischen Tages,
was Micro-Bill Gates of Heaven verhindern mag,
das gesamte Menschheitswissen abstürzen sollte, ist das schlimm,
aber nicht sehr.
Es findet sich alles wieder in Tostedt.
Hier ist das Wissen zu Hause,
wie die Dinge sind, wie sie laufen, wie man sie zum Laufen bringt,
wie sie zu sein haben, wie sie immer gewesen sind, wie sie gefälligst zu sein haben,
wo Schluß ist mit lustig
und wann,
zwischen Birkenalleen und Straßenpfostenwäldern,
zwischen Carportdschungeln und Videothek neben der Aral-Tanke,
in diesem bläulichen friedlichen Licht
des etwas zu späten Abends
oder etwas zu frühen Morgens,
sofern es wirklich ein einzelner Schuh ist,
der da liegt,
in dem sich die Preise für Super und Super-Plus spiegeln,
wirklich etwas gelaufen ist.

Dat du mien Leevsten büst,
glaub ich erst, wenn du mich dreimal küßt.

Inspektor Knut legt wieder auf. Die Monitore arbeiten, wie sie sollen.
Der Hund ist weg. Die Straßen sind leer. Alles schläft.
Nur ein Schuh liegt da herum.
Egal. Gleich holt das Pendel wieder aus.
Schwingt hin, schwingt her.
Ein Kaffee noch,
dann wird es Morgen, schon früh hell, Anfang Mai.

Unser Mann in der Leitzentrale kennt die Massenszenen in der U-Bahn,
aber das ist nicht sein Problem,
wahr ist nämlich auch, dass die meisten Hamburger immer noch mit dem Auto fahren.
Der größte Marktplatz der Stadt findet keine Zeit und keinen Ort,
Inspektor Knut hat die Daten aller Megatreffs im Kopf,
und die absolut meisten Hamburger treffen sich im Elbtunnel,
zweimal am Tag Star Trek,
ab mit Volkswagen in die fünfte Dimension,
abtauchen ins Wurmloch
und ohne Übergang den Quadranten wechseln,
von Nord nach Süd, von Tostedt nach Tangstedt nach Tollerort.,
die Zeit im übergroßen Chatraum von NDR 2 durchtunneln,
der wahre Schrecken wäre hier unter der Elbe kein Wassereinbruch,
sondern der Ausfall der UKW-Leitschiene.
Nichts sehen! Also: Worüber schweigen?
Das hält kein Mensch aus.

Inspektor Knut trinkt Kaffee, händelt die Verkehrsinfarkte der Rush-Hour, legt Bypässe,
fragt sich zwischendurch, ob der Hund in der Nacht nun doch real war,
überprüft das Knochengerüst der Stadt im Videobild,
Speichen und Ellen, Wirbel und Gelenke, Kreuzungen und Koordinaten,
die Außenbezirke und die Aura des Stadtkörpers,
das braucht Metaphysik
in dem Bewußtsein,
dass die Sache da draußen auf den Straßen mörderisch bleibt.
Nach Hamburg führen viele Wege,
bekanntlich kommt man immer durch Tostedt,
da ist ein Monitor wie der andere, Nummer 1 bis 195,
zusammen ein rundes Dutzend Schlafzimmerschrankwände.
Nur eins begreift er nicht: Warum nicht gleich in Hamburg bleiben?
Warum Arbeit und Leben auf so unnatürliche Weise trennen?
Verkehr ist Verbrechen.
Nie würde Inspektor Knut in Tostedt wohnen,
er hasst diese ländliche Blähung als Pendlerproblem und Auffahrt-Unfall
und nennt die Namen der Orte, die zwischen Tostedt und Hamburg liegen,
das stimmt sich ein auf den Sensenmann: Fleestedt, Metzendorf, Tötensen.

Er selbst wohnt nur einen Steinwurf vom Polizeihochhaus entfernt in St. Georg.
Alles muß für ihn privat zu Fuß erreichbar sein, jedenfalls im Prinzip,
und am allerbesten in den eigenen vier Wänden,
auch dann lebt er in gewachsener Liebe für die Botschaften der Bildschirme,
seine Lieblingsserie nach der Arbeit heißt „Stadtklinik“.
Aber inzwischen ist Hafengeburtstag
an diesem trüben dienstfreien Vormittag im Mai,
und er macht eine Ausnahme,
geht zum Dammtor und fährt von dort quer durch Veddel und den Hafen bis Tollerort,
ein einmaliges Muß,
denn in diesem Jahr hat er eine Ehrenkarte der Polizei
für den Sonderzug zur Windjammerparade bekommen.

Sogar ein kaltes Buffet gibt es in Tollerort auf dem Kai,
zwischen Containern maritim improvisiert,
hier futtert die Presse,
aber auch für verdiente Beamte ist Platz an der Krippe,
er wählt bedächtig ein Laugenbrezel, trinkt ein Bier,
während sich das Auslaufen der Großsegler verzögert,
Nordwest kommt steif die Elbe herauf,
so war das nicht geplant, Gegenwind,
Motor an,
Viertel Kraft voraus!
die Segel stehen back,
die Fahnen wehen achteraus.
Das stört fast niemanden beim Essen und Trinken,
frische Luft macht offenbar einen Riesenappetit,
man ist es so gewohnt von einer Fahne an einem Schiff,
dass sie mit dem Fahrtwind geht und überhaupt,
wer hat denn Zeit von den Ehrengästen auf dem Kai, bitte schön,
auf den richtigen Wind zu warten?
Nicht einmal die Windjammer selber haben sie,
die längst für Events
an den anderen tollen Orten dieser Welt gebucht sind.

Allerdings Inspektor Knut ist gründlich abgenervt.
Der Anblick geht gegen seine innerste Natur.
Er kann es unter diesen Umständen nicht würdigen,
dass die Segler für die Schaulustigen überhaupt ein paar Segel gesetzt haben,
im Gegenteil, ist das ein Angriff auf seinen Verstand und die Verkehrsvorschriften,
und verhöhnt somit die gegebene Ordnung,
so als ob ein Auto aus purem Gag rückwärts durch den Elbtunnel fahren würde.
Ihn schaudert bei dem Gedanken,
kaum noch ist ihm in dieser Gesellschaft hemmungslos fressender und saufender Laien begreiflich,
warum er sich von seiner vermeintlichen Ehrenkarte
zu diesem Ausflug hat verleiten lassen.
Verkehr, gleich welcher Art, ist doch jedesmal wieder ein Wahnsinn
und eigentlich nur auf Monitoren zu bewältigen.

Endlich fährt der Sonderzug zum Dammtor zurück.
Inspektor Knut geht von dort zu Fuß nach Hause und schaltet den Fernseher ein,
wo die Windjammer noch einmal ein- und auslaufen,
genauso wie vor den Bildschirmen in Tostedt und in Tangstedt,
die Elbe gesäumt mit jubelnden Massen
vor Schlepperballett und Staatsbarkassen,
vor Seefahrtsromatik in hohen Masten,
immer noch Verkehr in die falsche Richtung,
trotz Video und Fernbedienungstasten,
aber nun alles zu ertragen.

Nur manchmal bleiben Fragen,
die auch wir, die letzten Text-Live-Automaten,
oder die schlafende Hammonia in ihrer Kathedrale
so wenig beantworten können wie unser Mann in der Verkehrsleitzentrale.
Sei’s drum.
Kaum etwas stört noch die Ruhe,
es bleibt der Hund auf der Kieler Straße
und es bleiben zwei bläulich schimmernde Schuhe.