Michael Batz und Reimer Eilers

HARBURG

Ein manisches Fest
 

Harburg. Ort der Harburger.
Du mißglücktester Versuch
nach einem Imbiß zu heißen.
Du architektonisch geschundene Schweigeminute.
Das Stichwort "Provinzialität" in der Brockhaus Enzyklopädie
ist bis ins Jahr 3oo9 exklusiv geleast.
Für diese Leistung hat sich der komplette Gemeinderat wiedergewählt.
Harburg.
Das Zwangsmysterium des Wartens ohne den geringsten Grund
lernte ich in Harburg.
Der Bahnhof liegt still. Die Züge stehen im Bahnhof.
Die Zeit steht still.
Ich sitze still im stillstehenden Zug.
Es liegt generell etwas Stillstehendes über dem Generellen.
Die Weihen alles Relativen wabern mir durchs geschlossene Fenster entgegen.
Altóna? fragen mich die Fremden.
Mein Kopf, der kriegt ein Schütteln. Ihr lieben Fremden,
gebt nicht auf!
Harrburg, sagte ich den traurigen Fremden.
Harrburg. Ort der Harrburger.

Aufmarschrampe der Weltsucher von Cuxhaven bis Wilhelmsburg.
Alle vor dem großen Sprung.
Alle davor. Nie danach. Stadt des Davors.
Großartigste Vorstadt des Weltentores, ein Vor-Zeigeobjekt,
und danach
der Schlaf...
Ein großartiger Schlaf!
Endstation der entwichenen Sehnsüchte.
Allwöchentlich in der Lämmertwiete zur Schlachtbank geführt.
Verzehrsort aller überreifen Südfrüchte.

Harburg!
Zone am Rande der totalen Zollfreiheit.
Vor deinen Zäunen landen die großen Bananen, und
du weißt, daß immer noch die Schale das Größte an ihnen ist.
Schon mancher hat sich vor dir flachgelegt,
und du hast dich erbarmungslos über ihn gebeugt.
Aber ich sage dir: Wer kein Rückgrat hat,
soll nicht aus der Haut fahren.

Harburg.
Ärmster der Elbarm-Anrainer
mit der ewigen Option auf Störtebeckers Schatz
in den Harburger Schwarzen Bergen,
von denen die kalten Fallwinde herab
in die Harburger schwarze Fußgängerzone streichen.
Und über die Brücken, durch die Tunnel
drängen die Hamburger zu ihrem Pseudo-Skierlebnis
in ihrem Pseudo-Süden.
Üben nahe Fremde,
bemerken, daß die Verzehrkette mit den Fleischburgern
auch schon da ist.
Danach noch ein Verglühwein.
Und Tschüß!

Du bleibst davor, nicht danach. Ungestalter Reizarm,
nackt. Ohne kulturelles Feigenblatt,
der unvorgestellte, der unverstellte
Blick aufs Schamhaar.
Und man möchte ausrufen:
Schäm dich, Harburg!
Endlich einmal.

Einmal endlich. Am Ende sein. Finale. Krönender Abschluß.
Schlußstrich. Gelöstes Rätsel. Filmtränen. Glücksakkord zum Heldenkuß.
Nix da, Harburg.
Du nicht.
Du nicht. Du klappernder Unterkiefer des Stadtschädels
mit dem ständig geöffneten Maul, jenem durchschossenen Kaumuskel,
dem die Wasserspucke entfließt, bis die Brünnlein schließen. Anderswo gehört Klappern zum Geschäft. Hier ist es das Geschäft.
Und dein heimliches Wahrzeichen.
St. Pauli trägt den Schädel mit gekreuzten Knochen im Emblem.
Auf deiner Fahne prangt der
heruntergefallene Unterkiefer.

Harburg.
Dein Beitrag zum Guiness-Buch ist das Apostolikum an Vorläufigkeit:
Europas größte Sandkiste ohne Sand.
Du Kohlenpott ohne Kohle.
Wer dir vor den Lauf gerät, stellt keine Fragen mehr.
Das Kalenderjahr reicht gerade mal bis zum Nikolaus:
der geht rum und sammelt alle Schuhe ein,
die nicht korrekt gewichst sind. Was zählt, ist der Geist des Manövers.
Harburg.
Du Repetition des Transits. Gloria, vergeld's Gott, Schundi.
Die Tarnung der Endstation als Durchgangslager.
Wiederauferstehung des Phönix in Form von Autoreifen.
Du Traumurlaubsort leidenschaftsloser LKW-Fahrer:
Tanke und Dröhne, Wurst und Video bei Strapsen-Inge
und kein T-Shirt-Wechsel fälllig.
Keine Versuchung zum Bleiben setzt die Jungs unter Streß.
Dein bedeutendster kultureller Ort heißt "Tröte".
Dein wichtigster Sohn nennt sich "Rühe".
Du Geburtsort des Wortes "Betroffenheit".

Harrscharf daneben, du deutsche Unbesetzung,
harrgenau verkehrt.
Hart -
was wenigstens im Angelsächsischen noch Herz heißt,
hat unter dem Einfluß deines klappernden Unterkiefers etwas Versteinertes, Harziges, Harburger-Käse-Artiges angenommen.
Das letzte Gebölk von Herbert Wehner, bevor er ab nach Schweden...
Schwamm drüber! Schlamm drunter!
Doch zwischen den Extremen die Burg noch einmal
auf Normalnull in der Sandkiste gebaut.
Und alles wird gut.

Oh, schöne Harburg!
Hier wird alles gut, jawohl.
Mag die Welt auch reden.
Denn eins weißt du genau: Sie lügt, die Welt.
Und sie kann dich mal am Arsch.

Stördichnichtdran. Kehrdiannix.
Laß den unbeständigen und gerissenen Egoismus
der Hanseaten fahren dahin.
Tugend heißt noch immer steile Blicke zu wechseln,
aber scheue Sätze zu tauschen.
Und zu schweigen
von den lokal geschwängerten Bedeutsamkeiten,
in denen Phönix-Gummireifen
mehr Zirkel als Kreise sind.

Harburg.
Du herrlich irre urige Anstalt des Abgelebten.
Du pompös gelungener Versuch, kalten Kaffee in kalten Kannen kaltzuhalten.
Du knallhart ins Abseits gestylter Glücksfall aller Resteverwerter.
Blitzsauberer Albtraum aller politischen Möchtegern-Müllwerker.
Wunderbar kuschelweiche Unübertrefflichkeit des geistigen Maßhaltens.
Treue Hochburg der Findlinge aus unserer letzten Eiszeit.
Du einzigartige Verwalterin unserer gemeinsam verlebten Sturmflut.
Geliebte aller pubertierenden Spielmannszüge.
Gras drüber!
Du wahrst Haltung. Du drehst nicht ab.
Denn eins weißt du genau: Eine faire Art,
ist noch keine Art-Affaire.

Harburg.
Zu demütig für die Tricks und Roßtäuschereien der Pfeffersäcke.
Nie würdest du strahlend schöne Alstervillen bauen
auf die dreckigen Haufen Schäbigkeit kalt näselnder Chincher,
Lackaffen und Abhäuter, die sich Ehrbare Kaufleute nennen.
Nie würdest du Elend vertuschen, wo Elend ist,
nie Wunden leugnen, wo schon Eiter überquillt.
Von der Lüge verstehst du soviel wie sie von dir.
Wie verlorene Kinder taumelt ihr die massigen Betonringe entlang,
unter dem Firmament aus CO 2 eure Kinderzeichnungen tauschend,
die mit den schiefen Häusern, Schornsteinen, die zur Seite dampfen und ziemlich fertig aussehenden Katzen.

Harburg.
Ort des Anstandes. Alle stehn hier an im Bemühen,
selbst zu Weihnachten nicht mehr zu scheinen als sie sind.
Das strengt an und schafft manch reuiges Abendbrot.
Trotz aller verstohlenen Wimpernschläge dem Himmel entgegen
würdest du dich nie Weltstadt nennen. Gar Metropole.
Solche Kinophrasen haben keine Mördergrube in deinem ehrlichen Herzen. Deine gastlichen Hände sind nie leer.
Rechtfertigungen und Entschuldigungen
trägst du deinen Besuchern südseemädchengleich entgegen.
Betörst sie mit dem Hula-Hula der Unentschuldbarkeit,
seinen Arsch hier nicht weggekriegt zu haben.
Die Kokosmilch des Sisyphos gibt es als Schulration
und postmodernen Milchsake deiner Polstalgie.

Harburg.
Du Entropie der schwarzen Löcher.
Du Massenzusammenfall aller unnützen Fragen.
Gesamtsiegerin des Wettbewebs:
Unsere Fußgängerzone soll fieser werden.

Harburg!
Du Geburtsstätte des modernen Journalismus.
Erst die Anzeigen, dann die Nachrichten.

Harburg!
Du Nibelungen-Lied der Süderelbe.
Auch hier reicht ein Blatt, deine Helden umzulegen.
Reckenhaft ragen rostige Rollos Richtung Rosengarten.
Von wegen Treue und so. Schlicht aus Mangel an Unterhaltung.

Harburg!
Würden sich die Grazien an deine Ortsausfahrt setzen,
es käme jede Woche zu einem Trojanischen Krieg.
Und jeden Tag würde ein neuer Turm stürzen in Parabylon.
Genug auch davon.

Altóna? fragen die Fremden.
Nein! Oh wieviel Schütteln in die Köpfe hineinfährt
und kaum wieder herausfindet.

Harburg!
Wir danken dir.
Dank sagen wir dir für deine folienverschweißte Geduld.
Wir, die poetische Getränkesteuer deines Kultur-Fronttheaters,
die letzten Text-Live-Automaten im Jahre Null von
Windows 95 danken dir.
Du bist der Ort, an dem man sich auf das Wesentliche besinnt
in dieser Zeit der Besinnung in ihrer sinnlichsten Form.
Am besten freilich sind die Suppen von Rainer Jogschies.
Diesem einen Gerechten ist es zu verdanken,
daß der ganze Rest nicht in die Pfanne gehauen wird,
und sollte Alfonso, dieser andere Gerechte,
dereinsten seine Gastronomie in die Sterne Ovids treiben wollen,
mit anderen Worten: unfaßbar machen,
sei die Empfehlung hiermit herausposaunt
zu unserer ewigen Entlastung.

Harburg.
Unser nettestes Dankeschön macht sich auf den langen Weg
die ganze endlose Himmelsleiter hinauf.
Und erst, wenn es ganz oben ist, wirst du es rufen hören:
Bleib wie du bist.