Michael Batz und Reimer Eilers

St. Pauli - Fremdenführung mit garantierter Gefühlsechtheit
Die Ballade von der unbedingten Liebe

(Auszüge)

Mucki ist wieder da

Werner Pinzner ist wieder da.
Mucki, der Umleger.
Wieder da in St. Pauli.
Wieder auferstanden in St. Pauli.
Einmal St. Pauli, immer St. Pauli.
Einmal Schicksal, immer Schicksal.

Wer’s glaubt, wird selig.
Wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel.
Und zwar schneller, als ihm lieb ist,
denn Werner Pinzner widerspricht man nicht.

„Da bin ich wieder“, sagt Mucki.
„Wie läuft’s denn so?“ fragt Mucki.
„Läuft so, Mucki, kein Problem.“
„Zu meiner Zeit lief’s so“, sagt Mucki
    und zieht die lange, lange Knarre raus.

Wir stehen zu dritt
vor dem Reklamefinger
ganz am kalten Anfang der Reeperbahn,
auf der anderen Straßenseite die Abbruchkante des Bowling-Centers,
in unserm Rücken die totschicken Bürofluchten der letzten Spekulationsruine
und die australische Bar mit dem Wüstenbier
und den Zigaretten für Känguruhs,
im weiten Rund um das alles eine leere Kreuzung aus Trottoir und Transit,
absolut chilling, die zugigste Ecke auf dem Kiez,
wir zwei Schreiber und Mucki,
wo die Winde aus allen Stadtvierteln zusammentreffen,
und noch mal über das Heiligengeistfeld ziehen,
bevor sie durchs Millerntor nach St. Pauli drücken, shit,
wie ein großer, grober Stadtfurz.

Es ist schon sehr hell gegen sechs Uhr früh im Julei.
Aber alles geht sehr schnell
und alle Morgenbrüder und Sorgenschwestern gucken haarscharf vorbei.
Gandolf den Schnitter und Extrem-Opa, Günni und Mienchen sehen wir von Ferne,
in Richtung Seewarte, Brauerei, krankes Hafenkrankenhaus,
darüber einen blassen blauen Rest vom Mond, ganz ohne Sterne,
fast am Ende vom Zirkusweg,
fast verdeckt vom Straßengrün.
Vom Spielbudenplatz wehen Fetzen herüber aus Johnnys einsamem Akordeon
und wir sagen: „Laß mal, Mucki, echt kein Problem.“
Sprich, Gänsehaut von dem Wind.
Oder sonst ein Ekzem.

Mucki sieht nicht aus, wie wir uns Mucki vorstellen,
doch was bedeutet das schon
im Angesicht einer durchgeladenen Knarre?
Und Mucki schüttelt langsam den Kopf.
Keep it real! ist der Deal.

    Die Kugel verläßt den Lauf.
Es beginnt die Love Parade für eine einzige Kugel.
Lachend, fröhlich, unbeschwert.
Heiß, drillhart, ewig jung.
Laut, schnell, rücksichtslos.
Nackt, Fakt, außer sich.
Sie schlägt durch die Glasscheiben im Bürokomplex
               Millerntor 1,
rast durch den Schweiß und die heiße Luft der Disconacht
               von NDR 2
über die blauen und grünen Köpfe der 16jährigen hinweg,
zerfetzt eine Box, zerschlägt die Wand zum nächsten Foyer,
verläßt das Gebäude,
beschleunigt noch mal im Luftraum, saust schrillend
               in das Imperialtheater 3,
kreist durch den Little Shop of Horrors,
schießt weiter in den Sexladen nebenan,
fährt der Aufsicht unters Hemd, haut dem kreischenden Erich die Gürtelschnalle vom fetten Bauch,
schreddert ein paar Hundert Kondome, neun aufblasbare Puppen,
drei Kollektionen Nieten und Leder,
sechs Dutzend hardcore Videos,
knallt in die jahrhundertealte, denkmalgeschützte Unluft
               des Lehmitz 4,
(wo die Jungs und Mädels vor Schreck ihre Cocktails durcheinander bringen:
ASTRA-Barcardi? oder war’s ASTRA-Tequila? oder hatten wir ASTRA-Hanf? - Egal,)
sie pflügt die überaus korrekte Atmosphäre spaßproduzierender Touris
               im Café Keese 5,
dreschflegelt ein paar Häuser weiter den grünen Filz der Spieltische,
taucht ein ins Wettrennen mit den virtuellen Ferraris der Big Game Boy Automaten,
gewinnt jedes Rennen,
wird zu unschuldiger Musik auf der ganzen Strecke bis zum Kaufhaus der Sinne,
ploppt reihenweise die Bügelverschlüsse der Flens-Flaschen
               in der Heißen Ecke 6,
wird aus der Bahn gelenkt von einer Spende des Hauses,
dem aufgebackenen beinharten Hähnchen in den Händen des Propheten Jürgen,
fliegt heiß, krass, ewig jung,
laut, schnell, rücksichtslos,
als Querschläger mit 180 Sachen bei Rot über die Reeperbahn,
kann ja eigentlich nichts dafür, gibt trotzdem mehr Punkte in Flensburg
als ein Schreiber Flaschen in zwei Händen tragen kann,
beschleunigt wiederum, räumt die Diamanten in fröhlichem Flash aus den Vitrinen
               der Firma Juwelier Fantasia 7
immer noch Adresse Reeperbahn,
zischt nebenan als Super-Kurz-Leihgabe durch Grüne’s Pfandhaus 8,
ledert das Crazy Horse ab,
erlegt massenhaft Affen, Drachen und Seemannsliebchen in den Auslagen
               des Tattoo-Shops auf der Silbersackstraße 9
ignoriert das Ende des Silbersacks,
zieht zwei schwarzen Dealern vor der Balduintreppe am Hafen einen Scheitel,
verirrt sich dort zwischen den bunten Fassaden der letzten Hafenstraßenhäuser,
kann sich nicht entscheiden,
nach rechts zu Paulis Kirche? die dem Ursprung ihren Namen gab,
oder nach links? zu den irdischen Wundern in Harry’s Hafenbasar, Nummer 10,
oder noch weiter, Richtung Brauhof mit den größten ASTRA-Bierhalden der Welt 11,
sie kriegt einfach nicht die terrestische Kurve, steigt vorläufig in den Himmel 12,
hat nun ein rundes Dutzend Stationen vollgemacht,
fällt wieder herab
und grüßt ihr altes St. Pauli.
Einmal Schicksal, immer Schicksal.
Werner Pinzner ist auferstanden.
   Mucki ist wieder da.

„Das ist nur so eine Art Vorspiel“, sagt Mucki.
„Kleiner Auftakt, kein Problem“, sagen wir.
„Ich bin noch auf der Suche“, sagt Mucki.
   Er steckt die lange, lange Knarre ein.
„Die nächste Kugel fliegt weiter“, sagt Mucki.
„Man muß reinwachsen ins Auferstehen.
Vorläufig dürft ihr mich noch mit Guido anreden, ihr Ärsche.“

Die nächste Kugel fliegt weiter und schon jetzt sitzt sie uns im Nacken.
Und das, obwohl wir kaum gelebt haben.
   „So ist das“, sagt Mucki.
   „Ihr müßt schneller reden, als ihr laufen könnt.
   Schneller schreiben, als eine Kugel tanzen kann.
   Schneller leben, als der Tod kotzen kann.“

Wir laufen los,
zur Hölle mit dem Tod.
Alter, du hast jetzt Auftrittsverbot.
 

Elises Traum vom Abheben oder Ableben

Tanz, Baby, tanz.
Dies ist die Ballade von der unbedingten Liebe
und der unbedingten Heiligkeit der Liebe.

Dies ist der letzte Text über Pauli,
mit dem alles begann,
über seine Ob-Sessions und Sankt-Ionen,
zu denen in seinen besseren Stunden hier alle und alles gehören,
Damen & Dirnen, auch die Muckis & Propheten,
Luden & Schönheitstänzerinnen, auch eine Million Freier & ihre Moneten
auf Paulis Boulevard der abgeräumten Träume,
dies ist das Skript zum Text
                    zum Stück vom Glück
                                zum Buch zum Film zum Video zur Silberscheibe
                                                          zum Traum zum Abheben oder Ableben,
der letzte Text, der noch in den Staub geschrieben ist.

Ab jetzt und danach wird alles im Internet megakopiert,
staubfrei,
„Staub.de“ existiert nur noch als Code-Wort
für die bequemsten Banküberweisungen der Welt
von armen Opfern an reiche Täter,
die Festplatten laufen heiß unter den Verdopplungen der Verdopplungen,
Doppler-Effekt der kommerziellen Erotik,
die Ware wird immer geiler
und das Fleisch bleibt kalt,
geduckt unter so vielen Hymnen an die Sinnlichkeit
wie die Server es verkraften,
in so vielen HAMBURGS,
wie es Klick! macht im Universum.

Endlich wird wahr, was Zarathustra wollte.
Jeder ist der geilste Buntspecht der Welt.

Tanz, Elise, Baby,
tanz diesmal morgens um zehn open air und zwar
zwischen Washington-Bar und dem Hafenbasar.
Da lesen wir die Spuren auf der Straße und lassen uns Zeit dabei,
wir, die letzten Text-Live-Automaten im Jahre eins vor Windows 2000,
drehen hier seit einem Monat unsre Runden,
immer noch haben wir Muckis Kugel nicht wiedergefunden,
nur eine Moral, die auf der Straße liegt
und die man aufheben kann, wenn man oben ohne nichts mehr kriegt,
und die Ballade von der unbedingten Liebe.

...

Tanz, Baby, tanz.
Der Kiez hat Zeit.
Tanz uns zum letzten Mal die staubige Geschichte.
Für die letzten Fremden.
Für die letzten Garantien.
Für die letzte Gefühlsechtheit.
Hier kommt die letzte Fremdenführung mit garantierter Gefühlsechtheit
durch den Staub von St. Pauli.

Denn alles kam schlicht und einfach so: Pauli, der alte Sack, war im Müllgeschäft.
Der Müllhaufen war groß, doch das Geschäft blieb klein.
Da nahm er ein Schild, steckte es mitten rein,
und ab da lief die Sache wie geschmiert.
„Paradies“ stand drauf.
Und „Vati kann“.
Keine Lüge, nur eine zweckmäßige Übertreibung.
Und „Hymne an die Sinnlichkeit der Frau“.
„Bier 3,- Mark“.
Und alle, alle kamen.

Ohne Namen fanden sie aus allen Stadtteilen her,
doch mit Samen,
gelegentlich schwammen sie auch übers Meer,
hatten ganz gelegentlich sogar ernste Absichten wie Johnny mit Anna und seinem Akordeon,
oder machten sich wieder heimlich davon,
nach Wandsbek wie der Fliegende Robert mit seinem Schirm,
oder blieben kleben wie Guido
in Paulis Müllhaufen bis zum nächsten Leben.

Das war die Zeit vor den Albanern
und logisch nur der Anfang von Paulis Geschäften und Geschichten.
Doch eins nach dem anderen.
Einer nach dem Anderen.
Der Kiez hat Zeit.
Danach müssen wir uns richten.
Kiez ist die Abkürzung von „Keiner ist glücklich, wer die Zeit nicht vergißt.“
Ali ritzt es dir in die Haut, und das Fernsehn dreht sich mit
    auf deinem Drehstuhl hinterm Crazy Horse,
    mitten im Silbersack
    kriegst du es als Tattoo,
dreißig Eier unter Brüdern hier im Laden.
„Fast geschenkt, mein Junge, diese Inschrift. Weg mit Schaden!“
Es ist alles so echt hier, hier ist jede Seele tätowiert,
und was ist echter als die Wunde,
die das Leben selbst ist.
 

Schatten der Tattoos

Rosen blühen aus dem Asphalt.
Herr Rubinstein liebt Rosen,
obwohl er keine besitzt.
Er würde nie mehr eine besitzen wollen,
seit vor langer Zeit Mandelbaum und Rosenfeld
für immer verschwanden.

Während wir mit Elise die Straße absuchen,
an einem gelben Morgen im August,
um Paulis irdischen Text zu Muckis Kugel im Staub zu finden,
begutachtet Herr Rubinstein drüben beim Silbersack Alis Kreationen,
Anker und Schlange, Herz und Messer, Kopf und Schiff.
Vor seinem Urteil hat Tattoo-Ali Respekt,
seit Herr Rubinstein ihm sein eigenes Motiv gezeigt hat.
Es ist zeitlos,
ein blonder Bursche hat es ihm vor sechzig Jahren in den Arm geritzt.
Herr Rubinstein zeigt es auch dir.
Aber zu anderer Zeit und an anderem Ort.
Morgens um sechs auf der Davidstraße.
Denn das ist seine Zeit.
Und seine Zeit ist keine Zeit.

Lautlos geben sich die Stunden,
                            lauthals drehen sich die Kunden,
die bekanntlich geborene Könige sind.
Wieder ist es sechs Uhr am Morgen, und zwar
am Heiligen 6. Januar.
Eine harte Stunde. Die Eiligen Drei Könige bieten sich dar
zwischen Davidstraße und Café Lehmitz.
Da sind Johnny und Robert und Guido.
Wen es juckt, wer nicht genau guckt, sieht auch ein goldenes Dromedar.
Und dann und wann einen blauen Mongolen
mit offenem Schlitz
und auf heißen Sohlen.
Kein Witz.

Johnny, der Seemann, gibt ein flottes Ständchen auf dem Trottoir.
Bürgersteig. Schwalbenpiste. Leimpfad.
Korde-Ah-Korde-Korde-Ong,
Korde-Ah-Kor-de-Kor-de-Ong...
Beifall. Wo bleibt die Kurverwaltung,
um die Kurtaxe einzutreiben?
Ja, wo bleibt sie denn?
Wir können, sorry, nicht so lang stehenbleiben.
Wir sind die staubigen Textautomaten an der Datumsgrenze,
vor den Wendekreisen der Zeitansage.

Der Fliegende Robert klemmt seinen schwarzen Regenschirm unter den Arm
und geht als erster des Dreigestirns auf Tauchstation,
die Rolltreppe runter, ab Reeperbahn mit der S-Bahn, Schnittwunden-Bahn,
dann umsteigen
und mit der U-Bahn, Unterleibsschmerzen-Bahn, zum Frühstück nach Wandsbek,
das ist verwickelt genug, um Spuren zu verwischen
bis zum weißen Brötchen daheim, dem frischen.
Johnny schwimmt mit seinem Akkordeon,
langsam in Richtung Hafen davon.
Nur Guido, der dritte, ist so frei, er bleibt pur,
eins, zwei, drei! auf Städtetour,

Die Plätze an den Häuserwänden in der Davidstraße sind jetzt leer.
Herr Rubinstein geht dran vorbei,
klopft mit dem Zeigefinger gegen jeden polierten Fleck,
den die Mädchen, an die Wand gelehnt,
das ganze Jahr hindurch mit dem Hintern blankgeputzt haben,
seit dem ersten Frühling in Babylon.
Das waren Zeiten in Babylon,
wer kennt es nicht, das Projekt der tausend Sprachen,
die man alle in einen Turm bringen wollte.
Das höchste Bordell des Altertums,
mit Blick auf das Zweistromland,
das Paradies und das Exil zugleich.
Nein, Herr Rubinstein liebt keine Türme. Er liebt die Straßen ohne jede Verheißung
und die hellen Flecke an den Häuserwänden,
an die man klopfen kann
für eine kleine Frühmusik.

...

Schnittige Zeiten mit Laura

Im Hafen geht der Mond auf letzte Butterfahrt.
Neue Textschiffe sind angelandet
und werden pausenlos gelöscht.
Wir, vom Schriftstellerverband,
in schnittigen Zeiten braucht jeder Schreiber einen Verband,
kommen ins Schwitzen.
Die Text-Fracht für die Rückfahrt ist gegenwärtig
noch nicht fertig.
Go, Guido, go. Sieh zu, dass du was auf die Reihe bringst,
was wir in Zeilen bringen können.
Go, Guido, go.

Neue Lieder, wieder ein langsamer Tanz vor der Bar,
aber das ist alles nicht mehr wahr,
Dämmerung auf dem Kiez,
abgestandenes Bier auf dem Tresen,
Glimmer in Guido-Ulysses’ Augen,
und die Gewißheit dämmert, dass hier nichts mehr geht.
Auch Guido kippt die Neige,
doch nicht Promille sind sein letzter Wille,
er setzt das Bierglas ab und bringt ein echtes Stoßgebet:
Fall mich an, Sünde!
Ich steck dich weg.
Und er wird, Gott bewahre! von der himmlischen Nachtschicht erhört.
Bevor das Stoßgebet erlauchte Kreise stört,
trifft es ihn auf den Punkt und auf der Stelle,
um sechs Uhr morgens wird noch jeder Tor betört,
er zahlt und taumelt draußen in die halbe Helle:
In welche Richtung auf die Schnelle?
Wohin er schaut, es wirkt verkehrt,
da grüßen ihn vorm Lehmitz schon alte Unbekannte,
Gandolf der Schnitter mit einer frischen Wunde
und Extrem-Opa, Rachengold im Mund, Sorgenstund.

Guido grüßt zurück,
sie gehn zu dritt ein Stückchen in der feuchten Dämmerung die Reeperbahn hinunter,
Feierabend im Paradies, Cy-Babylon,
das Feuer ist aus,
da ist der Imbiss auf der Großen Freiheit.
Gandolf der Schnitter und Extrem-Opa haben Frösche im Hals,
wo Begehren Kunst ist,
zeigen sie ihrem neuen Freund
den kalten weißen Klumpen Fett in der Friteuse,
schwärmen von Helgas heißen Würsten.
Und von ihrer unerreichbar fernen Möse.
Und sie stellen klar: „Wenn du jetzt das Falsche sagst, Alter, dann wirst du nichts Richtiges mehr sagen.“
Guido-Ulysses besteht die Prüfung,
auf dem Feld, wo Liebe vergebliche Liebesmüh’ ist,
ist er noch stets der Held.

Und Extrem-Opa sagt: „Vergiß diesen Imbiß, mein Junge!
Träum’ nicht von Helga, mein Freund!
Für dich ist eine andre da, das schwör ich dir.
Was gibst du mir, wenn ich dich zu ihr führ’?“
„Ein Fass voll Bier
und noch viel mehr“, sagt Guido ohne Zögern.
„Hat sie auch einen Namen?“
Gandolf der Schnitter und Extrem-Opa antworten im Chor:
„Erst das Fass, dann Laura, mein Freund.“
Wir schreiben das ab
in den Staub.

Im Rhythmus der Revolte marschiert der Prophet Jürgen dazwischen.
Die alte Lederjacke zieht er nicht an. Stets hängt sie über den Schultern.
Es gibt eben Dinge, die zieht er nicht an.
Seine Botschaft ist klar:
        „Jetzt wird nicht länger gefackelt.
        Es kommt zum Kampf.
        Deutschland muß zahlen
        für seine Schäbigkeit.“
Auch dieser Prophet gilt wenig im eigenen Land.
Propheten gehört kein Land.

Wo ist Herr Rubinstein?
Die Hauswand  mit den blanken Flecken ist leer.
Die Ski-Anzüge und Stretch-Minis sind weg.
Wir haben gesucht und können Laura nicht finden.
Alles hängt irgendwie zusammen, doch ohne Kontinuität.
Schläft Laura schon irgendwo auf ihrer Sonnenuhr?
Die Schatten kreisen,
doch die Zeit fehlt.
Kein Unglück für Guido-Ulysses.

Du bist kein Prinz, Guido,
aber du hast dein aktuelles Exemplar von PRINZ, dem Erlebnisplaner im Hotel.
Mach schnell. Fahr hin, schau hinein, schlaf ein.
Das wär’ für dich an diesem Morgen hunderpro das Beste.
Es gibt Echtzeit-Sachen zu erleben, wow, eben so Sachen, doch die passieren schlimmerweise
aus Versehn.
Blut brauchen die wahren Feste.
Oder liest du keine Zeitung?
Beispielsweise PRINZ? Oder KUNZT & HINZ?
Wer eine Tür sieht, sollte hineingehen
und alle Hoffnung fahrenlassen.
Bar jeder Hoffnung.
„Keiner ist glücklich, wer die Zeit nicht vergißt.“
Deine einzige Chance.
Denn die Zeit vergißt nie.
Das war schon so vor den Albanern.

Guido schüttelt das Unglück ab,
sieht auf dem Hinterhof der Großen Freiheit zu, ob er fünf Minuten nach der Zeit sein Versprechen erschaut,
trifft Laura auf den allerletzten Drücker vor dem Hofbräuhaus.
Guido drückt die Tasten seines Herzens,
wählt den Knopf IDIOTISCHE DIALOGE.
„Sind Sie allein, meine Dame?“
„Ist das nicht jeder?“
„Sie haben auf mich gewartet, meine Dame?“
„Mein Leben lang, Schatzi.“
„Gehen wir der Kaffeemaschine lauschen?“
„Wollen wir ein paar Körpersäfte tauschen?“
Dass die Jugend sich so ausdrücken kann, Guido überkommt das pure Entzücken,
und er kann sein Glück kaum fassen,
das ihn auf engen Stiegen als letzten Fimmel in den Himmel führt,
von seiner Barschaft, seiner Uhr und seinem Ring, den ihm Mutter zur Konfirmation schenkte,
als Belohnung zur Einübung in den rechten Glauben,
von diesen irdischen Gütern muß er allerdings lassen.
Er tut es wahnsinnig gern,
solange Laura für ihn tanzt, in diesem anderen Zimmer,
am Ende dieser andern Nacht,
denn dies ist die Ballade von der unbedingten Liebe.

Guido erlebt seine Morgenandacht.
Und Laura fragt: „Was ist mit deinen Manteltaschen, mein Süßer?
Steckt da noch Kohle?“
Guido lächelt. Was für eine Frage.
„Nein, meine Dame“, sagt er, „nur meine Schreckschußpistole.“
„Die legst du mir auf die Kommode, mein Süßer. Sei nett.
Gib mir noch mal dein Jackett.“
Guido legt gern die Knarre auf die Platte,
und Laura checkt die Brieftasche im Jackett, sie ist gewissenhaft,
sagt voller Gefühl, nimm deinen Ausweis wieder, Süßer, denn der, glaub mir,
der ist mir schnuppe.
Die Kreditkarte behalt ich für Heidi, das ist meine Käte-Kruse-Puppe.

Crabalocker fishwife pornographic priestess
boy you been a naughty girl.
I am the walrus.
Goo goo goo joob.

Go, Guido, go.
Geh’ weiterhin mit Echtzeit-Amour
auf die spezielle Städtetour,
verwirre dich in Ober- und in Unterhemden,
weich in den Knien,
harte Fakten zwischendurch in den Lenden,
das gibt es so verdreht wohl nur bei Echtzeit-Männern.
 

Die älteste Hure der Welt

Wir lassen es für diesen Morgen dabei bewenden,
beladen einstweilen neue Textschiffe und schicken sie weiter
zu den Wendekreisen der Zeitansage,
auf der Flucht ins Jahrtausendproblem,
und suchen, damit alle Programme einfrieren,
die rettende Kontinuität, das heißt, wir suchen
die älteste Hure der Welt.

Ihretwegen, da war sie schon alt, hat man Babylon erfunden.
Sodom und Gomorrha und das alte Rom.
Paris, ne Zeitlang, pourqoi pas?
Doch nein, es kam, wie es kommen mußte,
es wurde St. Pauli, wo sie hängenblieb.
Ist auch klar:
                  Jeder andere Teil der Welt ist Dummheit oder Cleverness,
                  nur dieser hier ist Schicksal.
                 Nur hier springt man locker über die Zeit.

...

Pauli schaut hoch. Man spürt, dass hier was kommt.
Die Zeit bleibt stehen.

Fahr langsam, sagt der Präsident.
Martha ahnt nicht, wer hinter ihr fährt.
Es wäre ihr auch egal.
Jede Nacht bringt soviel wie das Ägyptische Totenbuch.
Jeder zweite trägt dort den Kopf eines Falken.

Der Fahrer nimmt den Fuß vom Gas.
Die Blondine auf der Postkarte zwinkert ihm zu.
Die Jungs im 350er kriegen einen Schock.
Bullen in Zivil sind die schlimmsten Bullen,
der schöne René, der Teufel soll ihn holen,
hat sie an die Schmiere verpfiffen.
Der Große Hass tritt aufs Gaspedal.
Hier hilft nur eins: Die große Flatter.

Herr Rubinstein, gegenüber, tritt auf den Zebrastreifen,
nie hat er sich anfreunden können mit Streifen,
die Röte des Morgens vor sich, hebt er den Blick,
dankbar für das irre Leben,
der 350er kurvt heran.
Herrn Rubinsteins Brille schlägt Kaskaden durch die Luft,
fliegt geradewegs in den Himmel,
sein Leib klatscht zu Boden
mit 60jähriger Verspätung.
Die Jungs sind sauer.
Was steht der Arsch im Weg?
Im-Weg-Stehen ist die größte Sünde,
solange freie Fahrt für freie Bürger gilt
und 450 000 Pillen ihren Kreislauf suchen.

Die Jungs sind richtig sauer.
Jetzt hat auch ihr 350er einen Kratzer. Das macht die Sache richtig mies.
Normal wär jetzt Krieg.
Aber Geschäftsleute machen das anders.
Die fahren rüber zum schönen René und sagen:
Meister, wir haben den Typen erwischt, der deinen Wagen verlackt hat.
Klar, dass dafür was fällig wird.

Schwester Martha hat die Zeit genutzt.
Der Wagen des Präsidenten verfolgt sie schon seit einem Vierteljahr,
das ist nicht neu.
Was ist schon neu auf diesem Macho-Strip, der selbst nichts ist
außer der Spiegelfläche aller Phantasien von außen,
der Millionen Auswärtigen,
die sich auf Paulis Müllhaufen stürzen.
Das Spiel, das sie erwarten, bringen sie selber mit.
Der Kiez war immer schon imaginär. Bald ist er virtuell.
Kalle der Heuler hat’s geblickt.
Segnend schwenkt er seine verbundene Hand über die Blinkerwelt.
Alles Einbildung, sagt er. Alles Einbildung.
Extrem-Opa und Gandolf der Schnitter winken zurück.
Glücklich sind sie,
seit ihnen Helga, die Ablöse, einen finsteren Blick geschenkt hat.
Finster, aber Helga hat sie wahrgenommen.
Das ist mehr, als ihnen im halben Leben auf dem Kiez passiert ist.

Schwester Martha hebt den Daumen.
Der Wagen des Präsidenten stoppt hart an der Bordsteinkante,
gegenüber von der Esso-Tanke.
Das Seitenfenster gleitet herunter.
Sie reicht das Hochzeitsfoto hinein von Paul und Rose Rubinstein, geb. Kohn.
Nebenan hält ein Touri-Bus aus Magdeburg-Iserlohn,
echt abgefahren, doch was bedeutet das schon?
Sechzig Leute, die nichts wissen von diesem Stadtteil,
in dem das Schicksal umgeht wie das Spiel von der
Stillen Post.
Der Präsident schiebt das Foto morgens um sechs
im Boxstudio unter der Ritze in den Sparringsring.
Um zehn Uhr erscheint der schöne René mit den Jungs bei Ali
und schließt die Ladentür gleich wieder ab,
wartet, bis Ali den Jungs die Totenköpfe auf die Stirn gestochen hat.
Ali macht es schlicht, ganz aus Respekt und Liebe für Herrn Rubinstein,
den Mann, der allein den Künstler in ihm erkannt hat.

Guido-Ulysses, wo ist er geblieben?
Günter Hya-Zint sieht ganz freundlich und harmlos aus.
Eintrittskarte drei Mark.
Führung jederzeit.
Die älteste Hure schläft.
Das Textschiff ist wieder beladen.
Die Kaffeemaschine läuft in dem Bordell, das keinen Haushalt hat.
Wir schauen vorsichtshalber in die Tassen.
Nein, keine Monde schwimmen drin.

Zurück zu Schwester Martha.
Wieder ist sie ein Jahr über den Kiez gegangen.
Noch immer verfolgt sie der Wagen des Präsidenten.
Der Fun and Action Movie-Produktions GmbH hat sie die Szene
an der Esso-Tanke verkauft.
Nehmt das Auto da hinter mir, hat sie gesagt.
Ich will nicht mehr als einen Scheck, damit Günni und Minchen
                                                                 nicht verscharrt werden,
sondern verbrannt, wie sie es gewollt haben,
damit ihre Asche übers Meer fliegen kann.
Ein guter Deal für die Filmleute. Sie schlagen zu.
Die Einstellung steht.
Der Effekte-Mann hebt den Daumen.
Nachtfilter für die Kamera. Regenmaschine an. Schicksalsmelodie.
Film ab!
Der Wagen des Präsidenten fliegt in die Luft.
Auch deutsches Kino kann laut sein.

Der Präsident lächelt im Film.
Ali beugt sich über die nächste Haut.
Sticht das Zeichen hinein,
dass wieder jemand über die Grenze gegangen ist.

Laura wiegt ihr Puppe im Arm, und die macht „Poch!“
Das klingt jetzt wie ein Herzschlag.
Sie zündet die Kerzen an vor dem Foto mit dem Wiener-Franzl.
Der Kopf ist schon ganz weggeküßt.
Laura wird an seinem Todestag mit 700 weißen Pudeln über die Reeperbahn schweben.
Einer der Pudel wird Guido sein.
Das ist kein Kitsch.
Das ist die Ballade von der unbedingten Liebe.

Pauli und die Prinzessin sitzen gemeinsam im Taxi.
Die dicke Prinzessin massiert Pauli die Füße,
tippt zwischendurch dem Fahrer auf die Schulter.
Ich fühl mich unbeschreiblich, Otto.
Du kannst mir in die Schuhe machen,
heut’ habe ich 6 Richtige im Lotto.

Helga, die Ablöse, dreht die letzte Wurst.
Märtyrer der großen Geheimnisses der Wandlung
vom rohen toten Fleisch
zum warmen Lebensmittel
der kommenden Zeiten.
Gandolf der Schnitter und Extrem-Opa himmeln sie an.

Johnny und Anna lehnen die Köpfe aneinander.
Was schert es die Liebenden, dass die Seligkeit banal ist?

Wir sehen Schwester Martha davon gehen, immer kleiner werden.
Günni in der kalten Dachwohnung ohne Tapeten ist ganz still.
Minchen lächelt unerkenntlich fein.

Ja, sagt Johnny in die Morgenröte.
Mit einem Knopfdruck wäre ich gleichzeitig überall.
Aber ich Idiot fahre immer noch um die Welt.
Und wenn ich wiederkehr,
dann geh ich nicht mehr fort,
dann bleib ich hier
aufm Kiez
bei dir.
Ja Ja.