Ankunft auf Martinique
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................................................. Große FahrtSeit einigen Tagen steht am schwarz gestrichenen Großmast mit rosa Kreide: "Kurs 297,5 Grad Martinique". Darüber der Hinweis: "Bier hier!"
Das kann nur von Jan, alias Hein Mück, stammen. Was ein richtiger Seemann ist, der lebt vom Aufmucken. Über drei Wochen sind wir nun schon trocken. Erst wenn wir Ankern, gibt's wieder einen Schluck. Das ist ein unumstößlicher nüchterner Grundsatz an Bord. Unsere magischen 297,5 Grad auf der Windrose sind übrigens nur auf die Missweisung zurück zu führen, die Abweichung des magnetischen vom geografischen Nordpol. Dazu die Verteilung der Eisenmassen auf meinem geliebten Schiff, die unsere Kompassnadel auf ihre eigene Weise anziehend findet.

Tatsächlich segeln wir genau West, mit plattem Tuch vor dem Passat, am 14. Breitengrad entlang. Auch der Äquatorialstrom hilft inzwischen mit, uns in Richtung Westindien zu befördern. Gut zu wissen, dass die Elemente hier unten alle auf unserer Seite sind. Am Ende, mehr oder weniger auf dieser Höhe über dem Äquator, liegt also Martinique. Und heute Nacht kommen wir an.

Ich liege an Deck, neben dem vorderen Niedergang, und schaue in den Himmel. Der Mond läuft die Fockrah entlang, ganz hinaus bis zur Nock, zurück zum Mast, wieder raus und so fort. Vielleicht ist es auch umgekehrt und die Fock zieht vor dem Mond dahin, getrieben von seinem sehnsüchtig unerlösten Licht. Ich darf mir das aussuchen. Die Nacht auf dem Meer hat ihre eigene Wirklichkeit und ihren eigenen Rhythmus, bestimmt von dem wiegenden, schiebenden Wind und der sachten, doch unaufhaltsamen Wanderung des Himmelsgewölbes über den Masten.

Auch unsere eigene Wanderung, den stetigen Pflug des Schiffes durchs Meer, könnte ich sehen. Dazu müsste ich aufstehen und mir das Meeresleuchten in der schaumweißen Bugwelle anschauen. Auch das ein Karfunkeln, ein Lichtern wie vom andern Stern, wunderschön, doch nicht für mich in diesem Augenblick. Ein ander Mal. Ich bleibe liegen und warte. Die Zeit wiegt sich in einer großen Hängematte, die sich vom Nordpolarstern über den Orion, den mächtigen Himmelsjäger im Westen, bis zum Kreuz des Südens spannt. 

In mir spannt sich die Erwartung, ob alles so eintrifft, wie von unseren Nautikern bei ihren Peilungen auf der Brücke und ihren Berechnungen in der "Navi", dem Ruderhaus, kalkuliert. Der Verstand rechnet mit dem GPS, dem Sateliten gestützten Global Positioning System, und weiß, dass wir keine Ammenmärchen und Wolkenkuckucksheime auf den Seekarten eingetragen haben. Aber der kleine Junge in mir hielte es trotzdem für ein ziemliches Wunder, sollten wir nach Wochen in der beinahe unendlichen Wasserwüste nun punktgenau auf unsere grüne Oase hinter dem Horizont treffen.

Noch in unserer Wache zwischen null und vier Uhr morgens werde ich es erleben! Werden wir voraussichtlich die Südspitze von Martinique sichten, das heißt den Leuchtturm auf der Ilet Cabrits. Die Höhe des Turms und die Tragweite des Lichts sollten dafür reichen, schätzt Wolfgang, unser erster Steuermann, über eine herrliche englische Seekarte aus dem 19. Jahrhundert gebeugt, die so brauchbar ist wie am ersten Tag. Also leuchte uns, Südspitze, bitte ich, auch wenn wir vorsichtshalber weitab von Land bleiben und die Küste erst bei Helligkeit ansteuern werden.

Dann scheint sie auch schon übers Wasser, früher als vermutet, eben nach Mitternacht der erste Lichterschmuck von Dörfern drüben an Land. Sie tauchen noch vor unserem gedachten Ansteuerungspunkt auf der kleinen Ilet Cabrits aus dem ozeanischen Dunkel, das unter den Sternen waltet. Eine glimmende Kette steigt über den Horizont, wohl einen Berg hinan. Seltsame Welt des Seemanns, nun bleibe ich angesichts der so verheißungsvollen irdischen Zeichen und Wunder, die gerade geschehen, doch ganz verhalten in meinen Gefühlen. Die habe ich offenbar schon für den Himmel verbraucht. Vielleicht bin ich in dieser dreiundzwanzigsten Nacht an Bord mittlerweile auch nur erschöpft. 

Am Morgen, als ich für einen erneuten Rundblick aus meiner Koje an Deck komme, segeln wir bereits auf der Leeseite, also in der Karibik. Die lange atlantische Dünung ist weg. Und wo bitte ist Martinique? Die Silhouette der Insel ist nur teilweise erkennbar, denn es ist stark diesig und bedeckter Himmel. Haben wir uns so die Karibik vorgestellt? Oder erinnert das nicht eher an die gute alte Nordsee.

Erst mal Frühstücken, dann ist "All Hands!" angesagt, alle Mann an Deck. Heute laufen wir noch nicht nach Fort de France ein. Die große Bai, der Hafen, der Kai, Palmen, Vulkane, eine frisch gepflückte Banane, die original französischen Croissants und der zollfreie karibische Rum können warten. Denn alles Glück der Erde liegt für den Segler in den Armen der Windsbraut. Den Tag über fahren wir in der grauen Karibik Manöver, zu denen wir im Passat auf dem Atlantik gar nicht gekommen sind. Immer nach dem Motto: Ist der Ozean zu Ende, fährt der Segler eine Wende.

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