Eilers Start
Pulp Fiction
    Reimer Eilers . Kopfwäsche
 
Mein Chef guckt mir über die Schulter. Ich habe die Angaben über die Kreditwürdigkeit eines Kunden auf dem Bildschirm. Auf meinen Geruchsnerven jetzt ein Anflug von Herrenparfüm.
   "Arbeit bis zur letzten Minute, Rupp. Schön, Sie haben Biß."
   Klar, hab ich. Er soll das Schwafeln lassen. Vielleicht kann er noch was lernen. Aber heute morgen nicht. Und morgen gehe ich in Urlaub. Klicken mit der Maus, Pause, jetzt läuft der Bildschirmschoner. Toaster fliegen durch die Luft. Ist nicht witzig, aber besser als die Fische im Aquarium.
   Ich geh mal für Kleine Jungen. Direktor Lomann ist wieder in seinem Büro verschwunden. Hansen hält die Stellung. Und die kleine Maybach. Rock handbreit überm Knie. Wenn ich wollte, könnte ich sie. Ich bin eine Kanone.
   Mehr Angestellte sind wir nicht im Schalterraum. Eine Privatbank lebt nicht vom Publikumsverkehr. Obwohl, unsere Zweigstelle liegt direkt an der Binnenalster. Wir könnten soviel Laufkundschaft haben wie wir wollten.
   Morgen gehe ich in Urlaub. Und dann trete ich meinen neuen Job in der New Yorker Zweigstelle an.
   Als ich vom Pinkeln wiederkomme, verfolgt Hansen die Kurse der Hamburger Börse auf dem Monitor. Die kleine Maybach flirtet mich an. Ich gehe an ihrem Schreibtisch vorbei. Augenaufschläge im Puls eines schmachtenden Herzens. Alles übertrieben. Ich setze mich wieder an meinen Terminal und gucke auf die fliegenden Toaster. Direktor Lomanns Sekretärin kommt aus dem Vorzimmer und bringt mir eine handgeschriebene Notiz.
   "Die Mittagspause in meinem Büro. Lomann"
   Arbeit bis zur letzten Minute. Mit fünfundzwanzig hab ich mehr erreicht als die meisten mit fünfzig. Ich bin heiß. Der Finanzsektor ist die wahre Weltmacht. Global Banking, total zukunftsorientiert. Wenn ich in New York bin, mach ich Lomann fertig. Wie es mir am meisten nützt. Aber erst mal den Ozean dazwischen, bevor der Skandal in die Medien kommt. Damit nicht aus Versehen die falsche Adresse an mir kleben bleibt. Da bleibt kein Auge trocken, wenn was schiefläuft.
   Von eins bis halb drei schließen wir. Direktor Lomanns Sekretärin geht mit Hansen und der kleinen Maybach Essen. Ich mach die Tür hinter ihnen zu. In Lomanns Büro stehen zwei Herren am Fenster. Mittelalter, dunkle Mäntel, teures Tuch. Wann sind die gekommen? Als ich für Kleine Jungs? Oder durchs rückwärtige Treppenhaus? Es gibt einen separaten Eingang zur Direktionsabteilung. Sie müssen VIPs sein, wenn sie hier stehen. Ich überlege: Zentrale, New York? Sie sehen doch eher wie Kunden aus. Direktor Lomann ist nicht da. Wo ist er nur?
   Einer kommt auf mich zu, der Kleinere. Leberfleck auf der Wange. Er streckt mir die Hand hin. Stellt sich und seinen Kollegen vor. Die Namen sind für mich belanglos, denn die beiden sind weder Kunden noch von der Bank. Sie hätten da ein paar Fragen. Die Art, wie der Kleinere das sagt, ist logisch Kripo. Ich nicke. Und Direktor Lomann?
   "Ist mit Kollegen vorgefahren."
   Aha, hinten raus. Wird ihm auch nichts nützen. Wen haben wir hier? Ich rate mal. Abteilung Wirtschaftsvergehen oder Organisierte Kriminalität? Manchmal sind die Bullen nicht so blöd. Dann sag ich eben heute aus. Überrascht bin ich nicht. Ich rechne jederzeit mit allen Eventualitäten.
   "Sie haben doch Ihren Schlüssel?"
   Ist eine Feststellung, keine Frage. Der Kleinere führt das Wort. Wir nehmen die Vordertreppe. Unten wartet ein Mercedes mit Fahrer. Der größere meiner Begleiter setzt sich nach vorn. Leberfleck und ich im Fond. Wir fahren die Alster runter, dann rechts Hauptbahnhof. Ich tippe bei Leberfleck doch auf die Abteilung Organisierte Kriminalität. Machen wir Lomann eben heute fertig. Nicht mein Bier. Hauptsache, ich schaff meinen Urlaub.
   Ich kann ihnen Konten nennen. Was mich interessieren würde, wenn ich Bulle wäre. Hanseatic Realgrund Immobilien. Baugeschäft, Neubau und Sanierung rund um Hamburg. Einen Teil der Objekte verkaufen sie nach Luxemburg.
   Die Preise liegen jedes Mal über dem Markwert. Hanseatic Realgrund macht den Gewinn, und der geht jetzt an die Muttergesellschaft in Lichtenstein. Eine Briefkastenfirma. Die Abzocker sind Geschäftsleute aus Florida. Bei uns werden die Überweisungen bereits auf Dollarkonten konvertiert. Der Rest passiert nur noch in Greenbacks.
    Hey, warum sind wir eben nicht zum Polizeipräsidium abgebogen? Fahren weiter runter zum Hafen. Das gefällt mir nicht. Ich will meine Aussage machen, und dann hab ich noch zu tun vor meinem Urlaub.
   Ich sage Leberfleck neben mir, sie sollen doch fragen. Keine Zeit vergeuden. Fangen wir einfach an, ich erzähle ihnen alles. Direktor Lomann bedient die Geldwaschanlage in Deutschland, und es geht um Drogengeld. Ist meine Meinung dazu. Aber sie wollen gar nichts wissen.
   Wohin fahren wir? Warum in den Freihafen? Sind sie denn nicht von der Polizei? Ich denk zuviel. Wo ist Direktor Lomann? Was hat er mit denen?
   "Zoll!" sagt Leberfleck neben mir. Der Große vorn auf dem Beifahrersitz lacht.
   Natürlich, Zollfahndung. Das ist immer möglich bei Wirtschaftssachen. Ziemlich öde Gegend hier. Nur Container auf dem Kai. Geht mich nichts an. Zoll ist gut. Leberfleck hat es gesagt. Ganz sicher, die müssen vom Zoll sein. Aber was soll jetzt die Kanone?
  "Sechs Zoll", erläutert der Große vorn, als der Wagen hält. Er grinst wie über einen riesigen Witz. "Direkt ins Herz. Merkst du gar nicht mehr."

         Fin.

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