Eilers Start
Pulp Fiction.
    Was man wirklich nicht tut .
 Krimi von Reimer Eilers und Susanne Commerell
Nach dem Frühstück entließ ich meinen Putzmann. Mittags hatte ich einen andern, aber er würde den Job auch nicht durchhalten. Er warf viel zu feurige Blicke durchs Zimmer, wenn er von meinem Staubsauger aufschaute.
  Ich machte mich auf den Weg ins Büro, bevor er mich noch zu einem Drink nach der Arbeit einlud. Auf der Langen Reihe traf ich Karl. Er trug einen neuen Lippenstift und lächelte mir zu.
  "Weißt du, Süße, ich krieg meine Tage, das macht mich immer so depressiv. Und da hab ich mir was gegönnt."
  "Versteh ich."
  "Danke, Süße."
  Er stöckelte davon, einmal quer durchs Bahnhofsviertel.
*
Im Wartezimmer saß ein Mann, der sich gerne unsichtbar gemacht hätte. Er schaffte es auch beinahe, aber es ist schließlich mein Job, aus den kleinsten Anzeichen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Also faßte ich ihn ins Auge und lotste ihn vor meinen Schreibtisch.
  Er hörte auf zu atmen. "Sie müssen mir helfen!"
  "Dafür bin ich da."
  Sein Gesicht nahm eine hochrote Farbe an, dann knallte irgendwo eine Ader durch, oder wie auch immer. Er wurde leichenblaß. "Horst Simms, verheiratet. Man beschuldigt mich... Ich soll mich an meiner Tochter vergangen haben."
  Ich glaube, jetzt wurde ich auch blaß. "Raus hier! Ich bin nicht die richtige Adresse, um Ihnen die Eier abzuschneiden."
  Er fing an zu weinen. Ich suchte in meiner Handtasche nach einer Packung Tempos, kam um den Tisch rum auf die andere Seite. Ich legte dem Kerl tröstend die Hand auf die Schulter.
  Ja doch, ich bin schon ziemlich hartgesotten.
*
Also hatte ich einen Auftrag. Heikel, aber vielleicht zu lösen. Horst Simms hatte einen anonymen Brief bekommen. Ich brauchte nur den Absender des Briefs zu finden und ihm eine dicke Klage an den Hals zu hängen. Dann hatte Simms noch ein kleines Problem mit seiner Frau, die den gleichen anonymen Brief bekommen hatte. Er wollte erst wieder nach Hause, wenn ich seine Unschuld bewiesen hatte.
  Am besten, ich redete erstmal mit Katrin Simms und vielleicht auch mit der Tochter. Also fuhr ich rauf nach Tangstedt. Aber im Haus meines Klienten rührte sich nichts, als ich klingelte. Ich versuchte es nebenan.
  "Mein Name ist Susanne Teiger. Private Ermittlungen."
  Ein Dackel sprang mir wütend um die Waden. Ich versuchte seinem Frauchen zu erklären, was ich wollte. Sie stieß mit einem fetten Finger gegen den Aufschlag meiner Jacke. "Schämen Sie sich, Sie Weibsperson, für diesen Unhold zu arbeiten."
  Da hatte sich ja schon einiges in dem Ort herumgesprochen. Ich ging zurück zur Straße. Vor meinem Golf stand ein Mann und hielt mir die Tür auf. Hatte ich den Wagen tatsächlich nicht abgeschlossen? Ich wollte nicht mehr fragen.
  Der Mann imitierte den Dackel. "Verschwinden Sie!"
  Irgendwie kam ich hier draußen nicht weiter.
  Ich war mir schon eine tolle Ermittlerin.
*
Also fuhr ich wieder in die Innenstadt, wo ich meinen Klienten in einem Hotel hinter der Langen Reihe einquartiert hatte. Sein Zimmer war nicht abgeschlossen. Er lag mit aufgeschnittenen Pulsadern unter der Dusche.
  In einem Punkt gab ich ihm beinahe recht. Es war inzwischen ziemlich egal, was ich ermittelte. Er hätte nur noch wenig Chancen da oben in Tangstedt gehabt.
  Die Frage war, wer daran das meiste Interesse haben konnte. Sicher nicht die beiden Schlägertypen, die mich auf dem Hotelflur abfingen. Sie hatten nur einen bezahlten Job. Aber ich hatte nicht mal mehr einen Klienten. Als sie mich in die Mitte nahmen, war es wohl an der Zeit ihnen zu sagen, was für ein Schwein sie hatten.
  "Ich bin raus aus dem Fall. Braucht gar nichts tun für euer Geld."
  Draußen auf der Langen Reihe traf ich Karl. Er lächelte mir zu.
  "Wie geht's, Süße?"
  "Mein Klient hat sich gerade umgebracht."
  "Ist ja furchtbar! Weißt du, ich hab so ein Ziehen in den Eierstöcken."
  "Versteh ich, Karli. Wenn ich meine Tage hab, ist es so ein Spannen in den Brüsten."
  "Wirklich!" Er warf eine manikürte Hand vor den Mund. "Wie ungeheuer spannend!"
  Na ja, wir hatten es beide nicht einfach.
  Es kostete mich den nächsten Vormittag im Büro, bis ich ein Ergebnis hatte. Die beiden Schlägertypen arbeiteten für einen Ordnungsdienst. Gelegentlich trat dieses Unternehmen mit seinem Service auch auf politischen Veranstaltungen in Erscheinung.
  In diesem Zusammenhang fand ich es interessant, daß Simms' Frau politisch tätig war. Sie leitete einen christlichen Arbeitskreis in ihrer Partei. Ich fuhr noch mal raus nach Tangstedt, aber Mutter und Tochter waren unbekannt verreist. Es war sicher für den Augenblick das Vernünftigste.
*
Zwei Monate später stand ich in der großen Pause auf dem Schulhof und fragte das Mädchen nach seinem Vater. Sie spuckte mir auf den Rock und lief davon. "Papi hat nichts getan!"
  Ich glaubte ihr und ihrem toten Papi. Auf der Rückfahrt in die City fragte ich mich, ob es ein politisches Problem war sich scheiden zu lassen, wenn man den christlichen Arbeitskreis einer Partei leitete. Aber ich tat nichts mehr dafür, um eine Antwort darauf zu bekommen.
  Ich mußte mich um lebende Klienten kümmern.
  Ein Jahr später las ich im Hamburger Abendblatt, daß der Bundestagsabgeordnete Olaf Nordenhagen und Frau Katrin Simms geheiratet hatten.
  Als ich die Zeitung weglegte, fiel ein Zettel auf den Teppich.
  "Diese Arbeit ist eine Schande für mich. Ich hatte mir was ganz anderes vorgestellt. Hochachtungsvoll Dr. Herbert Meyer."
  Schade, das war jetzt schon der vierte Putzmann im letzten Jahr.

Fin.

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