Eilers Start
 Pulp Fiction
  Reimer Eilers . Die Killerbienen
 
Bevor ich mich weiter mit den Killerbienen beschäftigen konnte, hatte ich noch einen anderen Auftrag zu erledigen. Es ging um hunderttausend Mark. Nicht mein Honorar, klar. Ich sollte nur sowas wie den Geldboten spielen und die Hunderttausend bei Sabine Grieg abholen. Ein Fall außergerichtlicher Einigung mit ihrem Noch-Ehemann. Er war mein Auftraggeber.
  Als ich vor Sabine Griegs Haustür stand, fiel der Schuß. Ich rüttelte an dem Messingknauf. Dann schlug ich die Milchglasscheibe ein. Über mir sprang die Alarmanlage an.
  Sabine Grieg lag vor dem Kamin auf den Fliesen. Ungefähr zwei Schritte weiter lag eine kleine Beretta. Es stank nach Kordit. Die Hunderttausend sah ich nirgends. Ich tat mich etwas um und wollte gerade im Schlafzimmer unter der Matratze nachgucken, als die ersten Beamten erschienen.

*

Mir blieb nur, den Job als Geldbote zurückzugeben und mich wieder um die Killerbienen zu kümmern. Was diesen Auftrag anging, war es an der Zeit, unsern Klienten um einen kräftigen Spesenvorschuß zu bitten. Ich mußte nach Mexiko. Carlos Gesualdo Franzberger machte keine Einwände am Telefon. Er schickte einen Barscheck per Kurier. Ich schickte Elfriede zur Bank.

*

Dann holte mich der Grieg-Fall wieder ein. Kommissar Hinrichs schickte einen Streifenwagen. Ich fuhr ins Präsidium. Hinrichs saß hinter dem Schreibtisch und trank seinen Kaffee mit drei Stücken Zucker.
  "Keine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe."
  "Kaum zu glauben." Ich trank meinen Kaffee schwarz.
  "Also kein Selbstmord. Wo sind die hunderttausend Mark, Voss?"
  "Keine Ahnung."
  "Aber Sie hatten den Auftrag, Hunderttausend in bar für den Ehemann der Toten abzuholen."
  "So ungefähr. Wollten beide das Finanzamt bescheißen, wenn Sie mich fragen."
  "Sie halten sich besser zur Verfügung, Voss. Wenn Sie wissen, was ich meine."
  Am nächsten Tag flog ich nach Mexico.

*

Als ich zurückkam, machte ich einen Abstecher in die Detektei, schenkte Elfriede die Statue irgendeines menschenfressenden Aztekengottes und fuhr dann weiter zu unserem Klienten. Carlos Gesualdo Franzberger empfing mich vor der makellos weißen Fassade der Villa, die er für die Dauer seines Aufenthalts an der Elbchaussee gemietet hatte.
  Diesmal nahm ich Zucker in den Kaffee. "Sie hatten recht. Ihr Schwiegersohn hat Ihre Tochter umgebracht."
  "Sie haben den Imker gefunden, bei dem er die Bienen gekauft hat?"
  "War nicht besonders schwer. Louis Castan war fremd in dem Geschäft, mußte zu viele Fragen stellen. Gab eine breite Spur über ein paar Märkte in Mexico-City aufs Land."
  Don Gesualdo Franzberger wärmte seine Greisenhände an seiner Tasse, ohne zu trinken. Er sagte nichts. Er wollte, daß ich es ihm sagte.
  "Vor Gericht reicht es trotzdem nicht. Ihre Tochter starb an einem anaphylaktischen Schock, das ist der offizielle medizinische Befund. Sie litt an einer besonderen Form von Überempfindlichkeit. Jeder Bienenstich konnte den Tod bedeuten. Wir müßten nachweisen, daß Ihr Schwiegersohn ein paar Exemplare dieser hyperaggressiven südamerikanischen Rasse nach Europa schmuggelte. Dann müßten wir beweisen, daß er sie in der Wohnung aussetzte. Das würde dann vielleicht reichen. Aber..."
  "Inez' Leben bestand seit zwanzig Jahren darin, sich in Acht zu nehmen."
  "Ich weiß."
  "Wohnen in der Großstadt, Ferien im Hochgebirge oder auf bestimmten Inseln. Sie ist nach Europa gezogen, seit die Killerbienen sich bis nach Mexico verbreitet haben."
  "Und Sie gründeten für Ihren Schwiegersohn eine Niederlassung der Gesualdo Franzberger Reederei in Hamburg."
  "Legen Sie ihn um. Ich biete Ihnen Fünfzigtausend."
  "Nicht für das Doppelte. Tut mir leid."
  "Das dachte ich mir. Trotzdem schade, Sie sind gut."

*

Kommissar Hinrichs füllte Zuckerwürfel in seinen Pappbecher. Eins, zwei, drei, der Grieg-Fall.
  "Sie sind vorläufig festgenommen."
  "Das können Sie mit mir nicht machen."
  "Ich habe Ihnen einen guten Rat gegeben. Und was machen Sie? Fahren umgehend nach Mexico."
  "Ich bringe trotzdem niemanden um. Und klaue auch keine hunderttausend Mark. Sie sollten das wissen."
  Hinrichs machte eine knappe Handbewegung. Der Beamte in meinem Rücken brachte mich in eine Zelle unten im Präsidium. Ich brauchte ungefähr sechs Stunden, bis ich wieder nach Hinrichs verlangte.
  "Es war der Ehemann."
  "Ihr Auftraggeber?" Hinrichs zerdrückte seinen leeren Pappbecher.
  "Geben Sie mir eine Chance, verdammt. Ich setze Ihnen das Puzzle zusammen. Sabine Grieg wollte sich von ihm trennen. Die Hunderttausend sollten eine Art Abfindung sein. Aber das war ihm nicht genug."
  "Und wie ist er nach der Tat aus dem Haus? Als Geist?"
  "Die Kellertür. Sie war auch verschlossen, und der Schlüssel lag auf einem Regal. Okay, ich wette, Johann Grieg hatte einen Zweitschlüssel. Und geizig, wie er ist, hat er ihn noch, wo er nun nach dem Tod seiner Frau das Haus übernehmen kann."
  "Selbst, wenn. Ist kein Beweis, Voss. Wo ist das Geld?"
  "Finden Sie seine Freundin, dann finden Sie das Geld."

*

Zwei Wochen später wurde Griegs Freundin vor einer Bank in Acapulco festgenommen. Mexico kam offenbar ziemlich in Mode. Am gleichen Morgen hörte ich im Radio, daß ein Louis Castan, Hamburger Repräsentant der Gesualdo Franzberger Reederei, Selbstmord verübt habe.
  Den Tag über wartete ich auf einen Anruf aus dem Präsidium. Aber Kommissar Hinrichs hatte offenbar vergessen, in wessen Auftrag ich nach Mexico geflogen war.
 
 

         Fin.

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