Reimer Eilers . Seefahrtsbuch (Auszüge)
Eilers

”Dear lait en Koks bi.”
Da liegt eine Wellhornschnecke drunter.
(Helgoländisches Sprichwort mit der Bedeutung:
”Es ist etwas faul im Staate Dänemark.”)

Eine Kindheit auf Helgoland

... Mit Beginn der sechziger Jahre folgten wir der Schule nach oben auf den Felsen, wir neuen Eilers in die Möwenstraße, fast auf derselben Koordinate, auf der die alten Eilers vor dem Krieg in der Lindaustraße ihr Haus gehabt hatten. (Mein Großvater hatte als Flüchtling auf dem Festland ein Schweineglück im Unglück gehabt, er blieb als Leuchtturmwärter an der Elbe zurück.) Mehr jedenfalls an Verbindung in die Vergangenheit, als die topologische Transzendenz einer Koordinate, ließ sich beim Richtfest 1961 schwer behaupten, denn das Land war nach dem Bombenhagel und vor dem Wiederaufbau bis in drei Meter Tiefe umgepflügt worden, über jedes zivile Menschenmaß und Kellermaß hinaus. Selbst der alte Straßenname war offenbar weggebomt oder untergepflügt, noch mehr ging ja wohl kaum an gründlicher Restevertilgung. Da saßen wir nun auf unserer Koordinate in der Möwenstraße, zwei Häuser weg vom künstlichen Wasserfall am Nordfalm, seitdem Fremdenpension ”Im glücklichen Winkel” bis heute.
Nur, was nahm man uns Kindern für den Fortschritt aus dem Weg? Die seltsamen Objekte unserer Neugier verschwanden, der Bunker mitten im Scheibenhafen, der dort lag, als sei er durch die Luft geflogen (recht hatten wir). Bei Ebbe besuchten wir ihn mit allem Respekt, der dieser feuchten Behausung des Großen Hummers und anderer Meeresungeheuer gebührte, bis die Presslufthämmer und die Dampframme innerhalb weniger Tage unsere Meereswesen vertrieben.
Die kopfhohe, roh gezimmerte Holzkiste auf dem Oberland verschwand, in der die sterblichen Überreste des verwüsteten alten Inselfriedhofs geborgen wurden, Knochen, Schädel, Haare. Kaum zu glauben, wie wenig Raum sie brauchten, alle unsere Urgroßeltern in einer Kiste beisammen. Oder fehlte noch einer? Der Rohbau der neuen Kirche nahm sie in seinem Keller auf, und wir sahen sie nie wieder.
In Ordnung war das nicht. ”Dear lait en Koks bi”, sagten wir. Was sollten wir sonst sagen?
In alten, ganz vergangenen Zeiten schmuggelte ein Fischer auf dem Helgoländer Markt wohl eine Wellhornschnecke unter die Dorsche in seiner Fischkiste, damit der Fang schwerer wog. Das war ‚ne faule Sache, keine Frage. Dergleichen ist heute natürlich nicht mehr denkbar, schon deshalb nicht, weil es kaum noch genügend Dorsche rings um die Insel zu fischen gibt, um später auch noch eine Schnecke unter dem Fang verstecken zu können. ...

(aus: Die Entdeckung des Meeresleuchtens, Agimos Verlag, Kiel 2000)


 

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