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Reimer Eilers . Seefahrtsbuch (Auszüge)
(Kalender vom Untergang)
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IV. Epilog, mit Überfahrt und Kanon

Im wetterwendischen April
   ging es in Richtung Himmelfahrt,
als tausend Flieger lichtwärts
   ihre Schatten versammelten.
Vor der Sonnenlanze
   spielten sie die Insel ins Finale.
Da war der Krieg
   längst ein trauriges Schreckgespenst
an blauen Frühlingstagen
   wie in mondbeladenen Nächten.
Da war er in diesem letzten Jahr
   schon ganz verloren
und schon fast vorbei.
   April, April.
Niemand auf der Insel
   glaubte an die tausend Flieger.
Die Inselmenge saß
   verstockt beim Mittagsbrot.
Jedoch es endet kein Stück
   vor der letzten Note.

Die Fahne der Ergebung
    vermengte Grün und Rot
und ließ am Boden
   auch weißen Muschelkalk.
Ein brennendes Schweigen
   überzog das Straßenpflaster,
der stumme Kanon
   verbrannter Papiere.
Der Gedächtnisschwund
   versiegender Elektrizität.
Das totenstille Hemd von Fischhaut
   vor dem Räucherofen.
Im Hafen der fremde Akzent
   gesunkener Motorboote.
Zwischen den Ruinen
   die Schlafwandelei nackter Kamine.
In den Sprengtrichtern
   die Sprachlosigkeit von abgespielten Noten
und das Abschiedswinken
   verwaisten Backsteins.

Was sich lange eingepasst hatte,
   das verschwand.
Die Lindaustraße fiel
   in einen fremdem Grundriß.
Andreas’ Türschwelle flog
   über den Klippenrand.
Am nächsten Tag verließ
   der Großvater das Land.
Es gingen mit ihm Oma Anna,
   Dorothea und Hans-Jo,
die Alten und die Jungen
   je ein Koffer.
Ein augenleerer Kurs
   führte sie hinaus aufs Meer.
Ein wortloses Übersetzen
   brachte sie ans Festland
in das Exil von fremden Zimmern
   und von Träumen
von einem Wolkenkuckucksheim,
   vom Sonnenuntergang,
kurzum der Luftschifffahrt des Horizonts,
   und von Gardinen
vor den Fensterflügeln.
 
 

(aus: Die Entdeckung des Meeresleuchtens, Agimos Verlag, Kiel 2000)

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