Reimer Eilers . Seefahrtsbuch (Auszüge)
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Eilerst
Dichterim Netz


 
 
 

29. Januar 1997


 
 
 
 
 

 

Georgi singt: "Strümpfe, wo seid ihr? - Zeigt euch! Wir spielen nicht Verstecken. Wir spielen Anziehn. Und in die Schule gehn!"
   Kurz nach acht, draußen näßt es, das Dachfenster ist beschlagen. Hauptsache, es friert nicht. Dörte ist bereits unterwegs nach Lütjenburg, an die Ostsee, zur Arbeit im SOS Familientreffpunkt und Beratung. Das sind von uns in Eimsbüttel aus fast zwei Stunden Fahrt mit dem Wagen. Ich seh sie in Gedanken auf der Autobahn, eine Kassette eingelegt, Dostojewski, Helle Nächte, vorgelesen von, ich weiß nicht... 
   Gestern war sie zu einer Prüfung in der Nähe von Osnabrück. Sie macht eine Zusatzausbildung in Familientherapie. Als sie zurückkam, stand Elternabend auf ihrem Programm. Wirklich zu Hause war sie erst gegen Mitternacht. So sind wir, sie mit einem Apfelsaft, ich mit einem Sekt, redend, redend in den 29. Januar gegangen, um den 28. monologisch, dialogisch niederzuringen, bevor wir bereit waren, uns auf ein neues Datum einzulassen. Dann erschöpft in intimer Trennung zu Bett.
   Mein Platz am Frühstückstisch ist gegenüber dem Dachfenster. Draußen, im feuchtschweren Morgengrauen über den vielen fremden Dächern, zieht ein Licht den Himmel entlang. Die Einflugschneise von Fuhlsbüttel. Dazu Autolärm vom Eidelstedter Weg. Ich sitze mit Georgi, acht Jahre, beim Cornflakes-Essen. "Georgia", "Georgi", klein wie groß nicht Englisch, sondern Deutsch auszusprechen. Wie die frühere Chefredakteurin der "taz". Es gibt einige Georgias im Land, wenn man sich umschaut. Unsere wird sonst auch "Schuby" oder "Mausespeck" gerufen, was enorm zärtlich klingen kann. Hinter mir in Kopfhöhe ganz leise Deutschlandfunk, die Steuerreform, nochmal ein Jahrhundertwerk.
   Georgi schmatzt, wenn sie zuviel Milch auf dem Löffel hat, und knuspert mit den Flakes. "Hast du dein Schulbrot eingepackt?" Das bedeutet zur Zeit Reiscracker und O-Saft. Gleich bringe ich sie zur Schule, mach ich noch gern, dritte Klasse oder nicht, kleine Handwärme als Kompensation für die vielen An- und Abflüge ihrer Eltern. Nachmittags geht Georgi selbständig von der Schule in den Kindergarten, dort hole ich sie gegen vier wieder ab. Und wenn Dörte heute abend pünktlich, gegen neunzehn Uhr, nach Hause kommt, werde ich mich postwendend auf meine Lesung verabschieden, ein vollgültiger Drehtür-Effekt.
   Auf dem Weg die Lutterothstraße hinunter erzählt mir Georgi ihren Traum vom frühen Morgen. "Wir sind nach Helgoland spazieren gegangen, über viele Brücken und durch Wälder. Es war Helgoland. Die Insel sah aber gar nicht felsig aus, nur Sanddünen."
   Georgi hat dort oder woanders einen goldenen Ring gefunden. Bei solch traumhaften Zuständen muß es dem Kind gutgehen, beruhige ich mich auf dem Rückweg in die Wohnung. Hänge die blau-orange Football-Mütze an den Haken. Chicago Bears. Hab da in der Gegend mal ein Jahr verbracht, als Chicago noch keine Partnerstadt von Hamburg war, aber hab den Green Bay Packers die Daumen gedrückt. Etwas Sport vor der Arbeit. Zehn-Kilo-Hanteln gegen zehn Kilo Übergewicht. Mich sieht ja zum Glück keiner. Dann dünnen Kaffee.
   Danach höre ich mir verschiedene CDs mit Gedichten an, unter anderem Bukowski, hat mir meine Schwester Ruth letzten Herbst aus New York mitgebracht, und Wondratschek. Ich überlege, selbst eine CD zu produzieren. Gibt auch bereits Texte, Sound und Bilder von mir auf einer Literatur-CD-ROM, die Karlheinz Barwasser, dieser liebe, wahnsinnsbegabte Poet in München programmiert hat. Wird aber vom Publikum gar nicht angenommen. Viel Sensation ohne Alltag bei den neuen Medien.
   Anschließend Pause. Dilettiere fünf Minuten auf der Blockflöte. Mich hört ja zum Glück keiner. Georgi hat einmal die Woche Unterricht. Ihre Lehrerin hilft bei Bedarf auch mit Astrologie oder Bach-Blüten. Macht nichts, oder sagen wir, zu Anfang habe ich mich stark auf Bernhards Empfehlung verlassen, daß unser Kind dort keineswegs hast-du-nicht-gesehn von der Blockflöte zu Bach-Blüten kommt. Bernhard ist der Mann von Angela. Angela ist Pastorin. Ich lerne von Georgi das Flötespielen. Für mich ist es die letzte Chance in diesem Leben, nochmal zu Tönen nach Noten zu kommen.
   Verschiedene Telefonate. Wir laden vom Hamburger Schriftstellerverband aus einen gefährdeten türkischen Autor zu einer Lesung Anfang Februar nach Hamburg ein. Diverse Anfragen wegen Schreibwerkstätten. Otto ruft an, ob wir beide uns nicht für einen Monat im Brecht-Haus in Svendborg einmieten sollen, um unser Land-Art-Projekt "Strömungen" in Schleswig-Holstein voranzutreiben. Zehn Minuten Pause, eine Patience. Ende April ist Schriftstellerkongreß in Chemnitz. Bin Delegierter, lese in alten Protokollbänden. Möchte aus alten Fehlern lernen. Ich mache die Arbeit im Verband gern, aber das darf man vor Kollegen heute nicht zu laut sagen. Es paßt nicht in die Zeit, die Krise der Parteien ist auch eine der Verbände.
   Mittags zum Schlachter. Gestern war ich beim Chinesen, heute hierher, weil es Steckrüben gibt. Eins meiner Lieblingsessen, mit Schweinebauch. Viele Rentner im Eßpublikum, man wird hier freundlich und verständnisvoll bedient. Sagt eine betagte Dame: "Ich hab heut gar keinen Appetit!" kriegt sie bißchen weniger, zahlt vor allem nur die Hälfte. Es gibt noch ne Menge Armut, knappe Kassen, obwohl, nach Statistik, reichste Stadt des Kontinents. Bahh. Ich sag: "'ne ordentliche Portion!" Sag ich immer.
   Danach eine Runde mit dem Rad in den Volkspark. Wieder meine  Football-Mütze auf, einen Fleece-Pullover von Tschibo übergestreift, ein paar Trekking-Turnschuhe von Aldi über den Pedalen. Mal ne ordentliche Portion, ansonsten muß man gerade als Hamburger Poet haushalten, wie die alten Clichés doch stimmen. Aber für die Altersversorgung denke ich trotzdem ernsthaft über Aktien nach. Und mein Rad ist von VW, einundzwanzig Gänge, so gesehen mehr als vier Golf, gängemäßig. Ein Auto habe ich nicht, das gehört Dörte.
   Am Nachmittag Auswahl und Sprechproben für meine Lesung, "neue Gedichte" im "Entrée" im Schanzenviertel. Zwischendurch Pause, kurzes Spiel auf der Flöte. Es wird nicht viel Publikum kommen. Ich versteh das, brauch nur an mich selber zu denken. In Hamburg ist derart viel los, daß man im Zweifel erschöpft zu Hause bleibt.
   Nach dem Kindergarten schaut Georgi Disney Comics. Maximal eine Stunde am Tag darf sie Fernsehen. Zum Schluß schnell mal Zappen, brav knipst sie daraufhin dem Kasten das Licht aus. "Wann kommt Mama?" Ich stemm sie hoch, kipp sie über die Schulter, pack ihre Fußgelenke, lass' sie kopfüber an meinem Rücken heruntersausen. "Weißt du doch."
   Nein, zum Essen ist Mama noch nicht da. Zum Abendbrot für Georgi und mich flammendrote, fruchtigsüße Paprika aus biologischem Anbau in Spanien. Im tiefen Januar, was für ein ideologisches Kontrastprogramm zu meinem winterdeutschen Steckrübenmittag. Und pro Paprika fast genauso teuer.
   Als Dörte nach Hause kommt, bin ich mit dem Essen fertig, sage 
Georgi "Gute Nacht und bis Morgen!", wünsche Dörte einen schönen Abend mit ihrer Freundin N., die zu Besuch kommen wird, kurve um diverse Taschen, die sie im Flur verstreut hat, greife mir meine beiden Radgepäcktaschen mit dem Manuskript und Büchern, und hole das VW-Velo aus dem Keller. Unterwegs klingele ich bei Bernhard, der mit mir auf die Lesung fährt. Es ist trocken, nicht allzu kalt.
   Ronald Chit Tin, der Wirt des Entrée, lächelt, als ich eintrete. "War schon eine Frau da." - "Aha." Ronald redet mit englischem Akzent, er würde auch Georgia wie "Georgia on my mind" aussprechen. "Wollte zur Lesung?" - "Ja, will wiederkommen." - "Wir könn' schon mal die nächsten Termine machen, was denkst du, Ronald?" Ich mach mal wieder ne kleine Reihe "Literatur im Entrée". Wieder so'ne Kleinigkeit, die mich vom Schreiben abhält.
   Der Abend wird gut, im eher kleinen Kreis, kluge Resonanz, ich bereite einen neuen Gedichtband vor, schöner Test. Muß gegen Kneipengeräusch vom Nebenraum anlesen, zum Glück ist meine Stimme nicht ganz untrainiert. Muß auch gegen Kerzenlicht anlesen, wo meine Augen leider, Originalton Georgi, schon ziemlich vergammelt sind. Dirk Jensen ist da, Journalist, will ein Portrait schreiben, "obwohl es schwierig wird, es unterzubringen. Macht aber nichts."
   Lege Wert darauf, mit Bernhard wieder zusammen den Rückweg anzutreten. Landregen, die Räder sind naß, macht nichts. Er lernt polnisch, einen Abends habe ich ihm ein paar polnische Übersetzungen meiner Gedichte zugefaxt. Jetzt lernen wir zusammen Portugiesisch. Ich möchte nach Brasilien. Er möchte nach Polen und nach Brasilien. Ich möchte gern noch mal nach Wisconsin und die Green Bay Packers spielen sehn.
   Gegen elf bin ich zu Hause. Hänge meinen Schal zum Trocknen auf die Garderobe. Dörtes Freundin N. ist noch da. Ich schaue kurz ins Wohnzimmer, Begrüßung auf Distanz, so geht es Dörte und mir in diesen Tagen, speziell aber schätzt sie keinen Begrüßungskuß vor Dritten, und vor allem hab ich Sorge zu stören.
   Verstaue oben im Arbeitszimmer meine Bücher, mein Geld, nehme mir VS-Papiere, Zeitungsauschnitte zum Lesen mit auf meinen Platz unten im Eßzimmer. Das Dachfenster ist ein dunkler Ausschnitt in der weißen Wand. Nebenan langsamer Aufbruch, Dörte geht aufs Klo. Ich gehe ins Wohnzimmer, auf dem kleinen Acryltisch Mais-Tortilla-Snacks aus biologischen Anbau, italienische Oliven, toskanischer Wein. Frage N., wie's ihr geht? Den Kindern geht? Ein Junge, ein Mädchen. Das Mädchen ist in Georgis Alter, die beiden kennen sich gut. N. und ihr Mann haben sich gerade getrennt.
   Dörte fragt mich nicht nach meiner Lesung, als wir allein sind. Sie möchte wissen, wie's meiner Schwester und Roland geht. Dörte allein zu Bett. Ich ziehe ins Wohnzimmer um, wechsle die Lektüre. Brodsky, Essays, im Hintergrund NDR 2, Aldi-Bier, damit sitze ich über Mitternacht.

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