| Sansibar und
das rote Feuerwehrauto
Eine Seemeile geht es quer
durchs Mangrovendickicht. Ich paddele allein im roten Kajak, dem kleinsten
Beiboot der Starship, ans Ufer. Es liegt im Zwielicht unter hohem Laub.
Ganz unten steigt etwas Sand aus dem sachte blubbernden Schlamm, besetzt
mit einer Armee von blauroten Krabben. Die Böschung besteht aus verwittertem
Korallenkalk, endet in Unterholz und Lianen.
Fäulnis und verstecktes
Leben. Ein Ort fern vom Himmel. Lastende, schwüle Stille umfängt
mich, gelegentliche Rufe des Schreiseeadlers irgendwo oben über den
Baumkronen. Ein Hornschnabel trompetet. Das Kreischen eines Affen. Dazwischen
wieder für Minuten kein einziger Laut. Glucksen, als das auflaufende
Wasser die Strandhöhlen der Gespensterkrabben flutet. Ein Palmendieb
auf einem modernden Ast im Schlamm, die größte Landkrabbe der
Erde, die auf Bäume klettern kann und Kokosnüsse knackt.
Draußen in der Bucht
ankert die Starship. Vor einer knappen Woche sind wir auf Sansibar angekommen.
Der Name mit dem besonderen Klang steht für eine Inselgruppe am östlichen
Rand des Indischen Ozeans, etwa so groß wie Luxemburg. Korallen haben
in Millionen von Jahren ihre Fundamente gelegt. Sanfte bewaldete Hügelketten
begleiteten uns auf der Fahrt durch den Archipel. „Grüne Schlangen
im Ozean“ nannte der britisch-amerikanische Journalist und Abenteurer Henry
Morton Stanley die Inseln bereits im 19. Jahrhundert. Damals war Sansibar
das klassische Sprungbrett für Expeditionen ins Innere Schwarzafrikas.
Nur vierzig Kilometer sind es bis zum Festland. Der Äquator ist sechs
Grad entfernt, Richtung Norden.
Ich genieße den Ausflug
im Kajak, wenngleich nicht ohne Beklemmungen. In einer halben Stunde wird
die Sonne untergehen. Dann kommen die Moskitos mit der Dunkelheit, und
ich darf mich in dieser wirren Wasserwelt mitten in einem Wald von Stelzenwurzeln
nicht verirren. Gibt es da draußen, jenseits der Mangroven, die kühle,
klimatisierte Starship überhaupt? Ein Schiff, das alles Wichtige mit
sich führt, von der Cola bis zum Kajak. Hier, am verlorenen Ufer,
hält man vieles für möglich.
Eigentlich hatte ich mir
die Begegnung mit Sansibar ganz anders vorgestellt. In meiner Jugend auf
Helgoland war es für mich die Insel aus Tausendundeiner Nacht, in
einer Laune der Geografie von Arabien nach Afrika versetzt. Ein Sesam-öffne-dich,
ein Hort für Elfenbein, Gold. Zwar auch Sitz der dunklen Seite dieser
Nachtmärchen, der Sklaverei und des Vogel Rochs, aber vor allem doch
die Insel der Mondbarken, der Sultane und kühnen Seefahrer.
Jeder Helgoländer
träumt von Sansibar. Uns verbindet, so denken wir, eine gemeinsame
Geschichte.
Als mein Großvater
Andreas zwölf Jahre alt war, wurden Helgoland und Sansibar zwischen
England und Deutschland getauscht. Der Lehrer in der Helgoländer Schule
dekorierte das Klassenzimmer um, hängte das Bild von Queen Victoria
ab und das von Kaiser Wilhelm auf. Das war am 10. August 1890. Bei uns
auf der Insel kennt jedes Kind die Historie. Zwar lagen die Dinge in Wirklichkeit
etwas komplizierter. Doch Legenden verlangen nach einfachen Wahrheiten.
Anders als auf Helgoland,
wo der Abschied vom britischen Gouverneur in den Alltag der Bewohner eingriff,
blieb auf Sansibar zunächst alles beim Alten. Denn die Insel war vor
dem diplomatischen Kuhhandel gar nicht in deutscher Hand gewesen. Es ging
den Kolonialmächten um die Abgrenzung künftiger Einflussgebiete
in Afrika. Da hatte England, das rund um den Globus Inseln sammelte und
tauschte wie Privatleute Briefmarken, längst eine unübersehbare
Präsenz auf Sansibar entfaltet. Die Deutschen saßen an der ostafrikanischen
Küste in Tanga und Dar es Salam.
So haben nur wenige Sansibaris
je von Helgoland und dem Austausch gehört. Aber das weiß man
ja bei uns zu Hause nicht. Man glaubt an gegenseitige Zuneigung. Und ferne
Lieben sind die dauerhaftesten. Es gibt nichts Herzerwärmenderes,
wenn der Novembersturm über die Nordsee fegt und die eiskalte Gischt
einen Knochenbrecher über die Molen treibt, als den magischen Namen
zu beschwören und sich an einen sonnenüberfluteten Palmenstrand
zu versetzen.
Einer Geliebten macht man
Geschenke, man kann gar nicht anders. Die Helgoländer haben Sansibar
das rote Feuerwehrauto meiner Kindheit geschenkt. Es war das erste Auto,
das ich kannte. Privatautos durften auf der Insel nämlich nicht fahren.
In den siebziger Jahren nahm ein Frachter aus Hamburg den alten VW-Bully
mit in den Indischen Ozean. Seitdem hat mein Verhältnis zu Sansibar
eine ganz persönliche Variante. Ich will das rote Feuerwehrauto aus
Kindertagen wiedersehen.
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